Zemlya

(Erde)

Olexandr Dowschenko, 1930 (IMDb)




Der Regisseur


  • Geboren 1894 in Sosnyzja, Ukraine, gestorben 1956 in Moskau
  • Gilt neben Sergei Eisenstein und Wsewolod Pudowkin als einer der wichtigsten Regisseure des frühen sowjetischen Films
  • War das siebte von 14 Kindern seiner ungebildeten Eltern (konnten weder lesen noch schreiben); war aufgrund der hohen Kindersterblichkeit mit elf Jahren dann das älteste
  • Wolle erst Maler werden, war dann Karikaturist, machte auch Collagetechniken im Stile George Grosz
  • Ging 1926 nach Odessa; im selben Jahr erste Regiearbeit
  • Hat wenige Filme gedreht, zu Beginn kurze Slapstickfilme
  • Sein bekanntestes Werk ist die "Ukraine-Trilogie" von Revolutionsfilmen, zu der auch Erde gehört (siehe Hintergrund)
  • Wurde von Eisenstein gefördert

Dowschenkos Themen:
  • Filme spielen aufgrund seiner Herkunft meist in der Ukraine
  • Aufbruchstimmung in eine neue Zeit: politisches Bekenntnis und Verankerung in ukrainischer Volks-/Bauernkultur
  • Politische Propagandafilme, gekoppelt mit altem Volksglauben/Aberglauben
  • Bezug auf Märchen, Legenden der Landesbevölkerung
  • Seine Filme wirken deshalb sowohl rätselhaft als auch poetisch, merkwürdige Art von politischer Poetik

Dowschenkos Poesie:
  • Statt Antworten werden Situationen gezeigt
  • Man kann sich in Ruhe einlassen
  • Sequenzen stehen für sich und müssen vom Zuschauer entschlüsselt werden

Dowschenkos Assoziationsmontage:
  • Besondere Art der Montage
  • Weniger wissenschaftlich als bei Eisenstein
  • Sehr geheimnisvolle Assoziationsabsicht
  • Enorme Poesie, große Schönheit
  • Sich treiben lassen vom Klang der Bilder

Dowschenkos Auslassungen:
  • Typisch für Dowschenko: ganz wichtige Momente werden ausgelassen
  • Lücken in der Erzählung, die der Zuschauer aktiv füllen muss
  • Beispiel: Erschießung im Krieg in Arsenal (1928) (siehe unten)

Hintergrund


  • Einer der bekanntesten Stummfilme der UdSSR
  • Teil 3 von Dowschenkos "Ukraine-Trilogie": 1. Teil: Der verzauberte Wald (1928), 2. Teil: Arsenal (1928)
  • Entstand im historischen Kontext des ersten Fünf-Jahres-Plans
  • Musste um vier Szenen gekürzt werden, die von den sowjetischen Zensurbehörden als zu freizügig angesehen wurden
  • Leider ist keine gute Kopie des Films erhalten geblieben

Arsenal (1928):
  • Antikriegsfilm gegen die Absurdität des Krieges, sollte eigentlich ein kriegsverherrlichender Film werden; endet mit einer Niederlage
  • Poetischer als Eisensteins intellektuelle Montage, da hier größere Freiheit über den Krieg nachzudenken als in einer klar strukturierten Bilderfolge; polycodierte Bilder, mehrschichtig
  • Mehrschichtigkeit durch Nebeneinandersetzen/Aufeinanderprallen unterschiedlicher Dinge in der Montage

Lachgas:
  • Vorgeführter Einsatz von Lachgas: Soldaten lachen sich tot
  • Lachen im Krieg:
  1. Lachhafte Situation
  2. Wahnsinniges Lachen über die Verrücktheit des Krieges

Erschießung im Krieg:
  • Duell: Arbeiter gegen Bürger
  • Sehr stilisierte Szene: Silhouette, Scherenschnitt-artig
  • Der dramatische Moment wird übersprungen, die Erschießung ins Off gelegt

Rückkehr aus dem Krieg:
  • Die Männer kehren aus dem Krieg zurück, ihre Frauen haben Kinder gekriegt, doch die Frage "Wer?" bleibt unbeantwortet
  • Drei Tableaus, die sich ähneln: drei Frauen verschiedener Nationen haben Kinder: Frauen werden als leidende Figuren dargestellt, die russische Frau als Madonna mit Kind
  • Somit ergreift der Film Partei für die Frauen, jedoch keine vorgeformte Antwort
  • Eigene Erläuterung dazu: Dowschenko gibt den Frauen ein Forum, in dem er die heimkehrenden Männer zuhause das vorfinden lässt, was sie in einem anderen Land angerichtet haben: Kinder als Produkte von Kriegsvergewaltigung

Tagebuch des Zaren:
  • Spannungsverhältnis in der Szene baut sich durch Parallelmontage auf
  • Frau bricht auf Feld zusammen – Zar schreibt ins Tagebuch, er habe eine Krähe erschossen – Frau liegt gekrümmt auf dem Feld
  • Metaphorische Beziehung zwischen verhungernder Frau und Krähe
  • Blicke beziehen sich auf nachfolgende Bilder: Zar blickt geschockt, als in der anderen Einstellung die Frau stirbt

Sprechende Pferde:
  • Sehr langsamer Montagefluss, Platz zum Nachdenken: Männer mit Amputationen, abgemagerte Menschen und Tiere
  • Parallelmontage: hungernde Kinder und Pferd werden verprügelt
  • Pferd kann sprechen und sagt: "Du schlägst den Falschen"
  • Ebenso antwortende Pferde beim Transport einer prominenten Leiche

Ausbruch der Revolution:
  • Ein alter Mann schaut sich verängstigt um, Kamera kommt via Jump Cuts immer näher ans Gesicht
  • Montage wird durch Jump Cuts bewusst gemacht
  • Revolution bricht metaphorisch über Nebenschauplätzen aus
  • Sehr verschlüsselt dargestellt, Herausforderung für Zuschauer
  • Der Schrecken findet in einer gutbürgerlichen Wohnung statt

Zweikampf:
  • Das Erschießen findet abermals im Off statt
  • Klassische Parallelmontage: Kampf: Soldaten, etc. ziehen in die Städte = Kampfszene; hier kleine Situationen hineinprojeziert; der Kampf als Sonderfall
  • Die Parallelmontage schürt die Erwartungen, doch beide Szenen stehen unabhängig voneinander
  • Figuren werden wie Skulpturen benutzt/inszeniert

Menschen als Statuen:
  • Wie surrealistisches Gemälde inszeniert, kryptisch erzählt
  • Zeigt die Bürger zwischen den Fronten: die Wartenden werden letztlich erschossen
  • Sehr verschlüsselte Botschaft

Der Brief:
  • Frau liest Brief ans Publikum vor
  • Hier stellt sich unterschwellig die Suggestivfrage: Darf man das?

Handlung


Erde erzählt von der Umgestaltung der sowjetischen Ukraine, vom Gegensatz zwischen der alten Welt der Großgrundgrundbesitzer, der Kulaken, und der neuen kommunistischen Jugend. Die Handlung findet in einem kleinen ukrainischen Dorf statt, in dem man ungeduldig auf einen Traktor wartet, der der dortigen Kolchose vom Stadtbezirkskomitee versprochen wurde. Als der Traktor endlich da ist, kommt es zum Konflikt: Als der junge Traktorist Wassili wagt, die Grenzsteine umzupflügen, die bis dahin die Felder der Großgrundbesitzer markierten, wird er von einem Kulaken erschossen.
(Quelle: Wikipedia)

Stil


  • Traktor als zentrales Element, als Lösung aller Probleme (im sowjetischen Film sehr verbreitet)
  • Sehr starker Fokus auf ukrainischer Bauernart und Folklore
  • Langsames, breites Erzähltempo
  • Oft Echos/Spiegel von Ereignissen im Film, gleich einem Refrain (unterstreicht die Poesie Dowschenkos)
  • Graphische Einstellungen: tiefer Horizont, oft Silhouetten
  • Neu im sowjetischen Kino: Kontrastmontage Herrschende/leidendes Volk

Der Mord:
  • Sehr kryptisch erzählt: Mann tanzt durch den Staub der Straßen und wird auf Feldweg erschossen
  • Metapher ukrainischer Mythen: Toter vor einem Sonnenblumenbeet

Basils Begräbnis:
  • Die Bilderflut ist nur zum Teil entschlüsselbar
  • Die Montage arbeitet mit Assoziationen, folkloristischer Symbolik; doch die Bilder haben ihre eigene Kraft und müssen nicht unbedingt verstanden werden
  • Vieles bleibt unklar, lässt sich aber irgendwo aufklären im Konstrukt des Beziehungsgeflechts
  1. Basil: Erschossene Person am Sonnenblumenfeld
  2. Trauerzug, der singt
  3. Figur, die rennt und den Kopf in die Erde steckt; er ist der Mörder
  4. Pfarrer, der in der Kirche gegen die politische Bewegung betet
  5. Eine nackte Frau, die nach Basil ruft (sexueller Notstand)
  6. Eine schwangere Frau, die Leben und Tod symbolisiert, Zyklus der Natur

Der Tod des Großvaters:
  • Der Tod wird als etwas Natürliches gezeigt, das mit Humor zu nehmen ist
  • Kurz vor dem Tod will der Großvater noch einen Apfel essen
  • Mit dem Großvater stirbt die Natur, die Äpfel verdorren, aber auch Aufblühen
  • Wie eine Art Einverständnis mit dem Sterben
  • Eine fröhliche, leichte, optimistische Sterbeszene
  • Sterben als Neubeginn, zukunftsgerichtet, Aufbau einer neuen Gesellschaft
  • Situationen aus dem Leben werden genommen und ein anderer, ungewohnter Blick draufgeworfen

Paare:
  • Paare schauen sich den Mond an, Mann greift Frau an die Brust; alles Regungen der Natur

Arbeitsmontage:
  • Lyrische, abstrakte Bilder
  • Arbeitsvorgänge: er macht sich lustig über Maschinen