Tystnaden

(Das Schweigen)

Ingmar Bergman, 1963 (IMDb)




Der Regisseur


  • Einer der berühmtesten schwedischen Regisseure
  • Großer Fan des schwedisch/nordischen Films
  • Ist stark vom Stummfilm beeinflusst (z.B. Carl Theodor Dreyer)
  • Verlangt große Präzision, alles außerordentlich genau geplant, keine Zufälle, enormer Qualitätsdruck
  • Hat nie großes Budget gehabt, hat nur mit schwedischem Geld gedreht und nur einmal mit deutschem
  • So präzise und ökonomisch wie möglich war seine Prämisse
  • Arbeitet gerne mit kleinem Personal, schon fast klaustophobische Stimmung
  • Grundsätzliche szenische Auflösung und Kadrierung recht konservativ, konventionell (z.B. Schuss/Gegenschuss bei Beziehungen zwischen Personen); wirkt für ihn wie ein filmerisches Fangnetz; aber immer wieder überraschende, avantgardistische Experimente mit Auflösung/Montage/Schnitt; merkwürdige Mischung des enorm Kühnen mit dem konservativen Handwerk
  • Ist handwerklich sehr geschickt und hat großes Hintergrundwissen, kann deswegen avantgardistische Elemente bewusst einbringen
  • Stammt aus einer Pastorenfamilie und wurde streng religiös erzogen
  • Sehr oft Auseinandersetzung mit Religion, religiöse Themen; Religiösität sehr stark geprägt von Todesängsten; Film als Wiederauferstehung; auch philosophische Themen, Leben als moralische Frage; Unterhaltungswert eines Films eher zweitrangig
  • Hat gegen die Religion gefilmt: um Religion als weltlich zu entlarven und loszuwerden (insbesondere Trilogie Das Schweigen Gottes, siehe unten)
  • Hat oft Inselthemen verwendet: Menschen, die gefangen sind in einer Situation/an einem Ort/in einem Gefühlszustand
  • War auch einer der Vorreiter der sexuellen Befreiung: Tabus brechen, Grenzen erweitern; dadurch hat er auch zusätzliche Zuschauer in die Kinos gelockt
  • Hat viele Kömodien gemacht, ist durch Komödien berühmt geworden, sehr leichtfüßig, locker und virtuos inszeniert, oft mit gleichen Schauspielern wie in den düsteren Filmen
  • Viele seiner ersten Dramen waren komplette Flops, seine Komödien waren oft sehr viel erfolgreicher; seine schweren, bleiernen, dunklen Filme sind heute aber angesehener als die Komödien, und begründen seinen heutigen Ruhm
  • Internationaler Durchbruch mit Das siebente Siegel (1957); weitere bekannte Filme: Wilde Erdbeeren (1957), Abend der Gaukler (1953)
  • Großer Einfluss auf osteuropäisches Kino
  • War fünfmal verheiratet und hat neun Kinder
  • War bisher für neun Academy Awards nominiert
  • "In Schweden steht Bergman neben Gott" (Zitat F. v. d. K.)

Bergmans Theaterhintergrund:
  • Bergman immer auch beim Theater gearbeitet, war Leiter des größten Theaters Stockholms; hat seine Filme in den Sommermonaten gemacht, wenn das Theater geschlossen war
  • Arbeitet mit festem Ensemble, übernimmt auch Schauspieler vom Theater für seine Filme; nur einzelne Schauspieler wechseln
  • Denkt und arbeitet in seinen Filmen aber sehr filmisch, nicht theatralisch, also kein abgefilmtes Theater
  • Hat die langen Probenzeiten aus dem Theater übernommen
  • Seine Theaterschauspieler spielen oft intensiver, reicher als Filmschauspieler, große Bandbreite
  • Seine Filme sind oft Kammerspiele, was sich von seinem Theaterhintergrund ableitet

Das siebente Siegel (1957):
  • Historienfilm, Endzeitstimmung (Pest), religiöses Thema/Motto, realisiert mit sehr kleinem Budget
  • Anfang ist typisches Beispiel für Experimentierfreude Bergmans
  • Sehr lange Überblendungen
  • Überhöhung der Landschaft durch Felsen im Vordergrund
  • Optisch enorme Kontrolle, bildgewaltig
  • Tontechnisch interessant, klar gesetzt, präzise, z.B. Todesstille beim Auftritt des Todes
  • Zuschauer wird gebannt auf das Geschehen

Wilde Erdbeeren (1957):
  • Bergman greift zurück auf die Prinzipien des Stummfilms
  • Grafische Bildgestaltung, Schnitt, Arbeit mit Ton: minimaler Aufwand, maximales Resultat/maximale Wirkung

Abend der Gaukler (1953):
  • Virtuosität in Kamera- und Schauspielerführung
  • Max Ophüls' Plansequenz aus Le Plaisir (1952) diente als Inspiration/Vorlage
  • Außerordentlich raffinierte Ausnutzung des Raumes
  • Große Offenheit in Darstellung der Sexualität, explizite Dialoge, gegen die Prüderie der Zeit

Hintergrund


  • Dritter Teil der Trilogie Das Schweigen Gottes; erster Teil: Wie in einem Spiegel (1961), zweiter Teil: Abendmahlsgäste (1962)
  • Die Trilogie behandelt Glaubenskrisen, religiöse Wahnvorstellungen, die Befreiung vom Glauben, die Überwindung der Religion
  • In den 1950/60er Jahren großes Publikum für Probleme des (Zusammen-)Lebens und des Glaubens
  • Darstellung der Sexualität führte zu einem der größten Skandale der 1960er Jahre

Handlung


Ester, ihre Schwester Anna und deren Sohn befinden sich auf der Heimreise nach Schweden. Der offenbar lungenkranken Ester geht es während der Fahrt im Zug nicht gut, sie erleidet einen Zusammenbruch, und so müssen sie in einer unbekannten Stadt aussteigen. Sie mieten sich ein Zimmer in einem Hotel. Schon tauchen die ersten Probleme auf. Keiner der drei versteht die Sprache der Einwohner. Anna läuft durch die fremde Stadt, dabei wird sie beim Besuch eines Varietés Zeuge, wie ein Paar während der Vorstellung auf einem Kinositz kopuliert. Danach geht sie in ein Café, um etwas zu trinken. Beim Bezahlen lässt der Kellner ein Geldstück fallen, um Anna beim Aufheben am Bein berühren zu können (sie hat ein kniefreies Kleid an). Anschließend treffen sie sich auf seinem Zimmer, um miteinander zu schlafen.

Da sich diese Vorgänge – mangels sprachlicher Verständigungsmöglichkeit – weitestgehend ohne Dialoge abspielen, vermitteln diese Szenen eine weitgehend emotionslose, rein triebgesteuerte Beziehung zwischen den Personen. Dieser Eindruck wird durch die Selbstbefriedigungsszene von Ester in ihrem Bett – die ansonsten einen etwas unterkühlten und selbstbeherrschten Eindruck macht, aber gleichzeitig eine eifersüchtige lesbisch angehauchte Einstellung zu ihrer jüngeren Schwester hat – ebenfalls erweckt. Nur der etwa 10-jährige Sohn von Anna kann dem älteren Etagenkellner des Hotels trotz der Sprachbarriere eine zwischenmenschliche Beziehung aufbauen.

(Quelle: Artikel der deutschen Wikipedia)

Stil


  • Überwiegend im Studio gedreht (Hotelzimmer, Gänge, Zugfahrt)
  • Große Intensität der Schauspieler, sehr gute Zusammenarbeit Bergmans mit den Schauspielern
  • Komplexe, interessante Frauenfiguren
  • Geschichte sehr einfach gehalten, wenig Hintergrundinformationen (nötig), keine Exposition, fließende Erzählung
  • Dialogteil im Film auf Minimum reduziert; "Film der Andeutungen"; Dialoge zeigen oft nur Kommunikationsprobleme
  • Zwischen den beiden Schwestern herrscht eine Kommunikationslosigkeit, die sich in der Beziehung der Männer zu den Frauen ebenfalls niederschlägt, hier wegen der fremden Sprache, die auch nicht übersetzt wird
  • Hauptaugenmerk liegt auf Bild und Ton, erstaunliche Effekte/Wirkungen mit Licht und Ton
  • Innerer Konflikt der Personen wird filmisch sichtbar gemacht
  • Bergman kontrastiert dramatische Szenen mit einem komischen Schlusselement, komische Auflockerungen (z.B. Szenen des Kellners); daher oft Nähe zu Tragikomödie
  • Kamera im Film hat i.d.R. keinen eigenen Körper

Licht:
  • Innenaufnahmen im Studio erlauben vollständige Kontrolle über das Licht
  • Naturalistische Lichtsetzung, die aber in Details - zugespitzt, aber sehr subtil - davon abweicht, und sehr psychologisch wirkt
  • Psychologisierender Einsatz: Licht ändert sich je nach Stimmung einer Szene; Szenen können dabei stark voneinander unterschiedlich sind, selbst zwischen zwei Schnitten kann sich das Licht verändern
  • "Licht fällt nicht von außen nach innen, sondern von innen nach außen"

Ton:
  • Tonebene sehr wichtig
  • Ton ist reduziert und sehr selektiv eingesetzt, dramaturgische Hervorhebung oder Auslassung einzelner Geräusche (z.B. hört man den Ventilator im Hotelzimmer nicht)
  • Unterschied zwischen Originalton und einem expressionistischen-künsterischen Ton ist nicht vorhanden
  • Es ist oft unmöglich zu sagen, ob der Ton "in" oder "off" ist
  • Zugfahrt klingt nicht wie fahrender Zug sondern wie leckgeschlagene Gasleitung

Rückpro:
  • Einsatz z.B. bei der Zugfahrt: abgefilmte Panzermodelle im starken Gegenlicht

Szene Der Panzer:
  • Kamera hat keinen eigenen Körper, durchdringt z.B. das Bettgestell
  • Licht wechselt ständig auf dem Gesicht des Jungen
  • Panzer wird über Geräusche eingeführt, zuerst leises Klirren der Gläser, erst dann darunterliegendes Geräusch deutlich
  • Johann geht zum Fenster und erkennt die Quelle des Lärms: ein Panzer, der völlig grundlos durch die Straße fährt
  • Panzer ist absolut inhumanisiert, keine Personen (kein Fahrer oder Soldaten zu sehen), keine Logik

Auflösung:
  • Bergman springt gerne und vor allem schnell in Großaufnahmen, sehr psychologisierend
  • Kamera sehr nah an Gesichern, auch gerne langsame Zufahrten auf Gesichter
  • Bergman thematisiert oft Kommunikationshürden

Die Schwestern:
  • Die Schwestern als zwei gegensätzliche Pole Bergmans, zwei Seiten seiner selbst
  • Ester scheint der "Geist/Verstand" zu sein, Anna als "Körper/Lust/Leben" dargestellt
  • Ester: intellektuell, vergeistigt, immateriell, keine sinnline Erfüllung
  • Anna: sinnlich, körperlich, impulsiv ("keine erleuchtete Vernunftshyäne" - F. v. d. K.)