Tokyo monogatari

(Die Reise nach Tokyo)

Yasujiro Ozu, 1953 (IMDb)




Der Regisseur


  • Einer der drei großen japanischen Regisseure (neben Akira Kurosawa und Kenji Mizoguchi)
  • Außerhalb Japans zuletzt entdeckt (erst in den 60er Jahren, zunächst in Frankreich, auch teilweise in den USA, zumeist von Japanologen)
  • Wurde in Japan (auch von der Kritik) sehr geschätzt, hatte ein Mainstream-Publikum, war kommerziell sehr erfolgreich
  • Begann seine Karriere als Kameramann
  • Drehte immer mit 50 mm-Objektiven
  • Sehr stark vom amerikanischen Theater beeinflusst, insbesondere vom Melodram
  • Hielt sich sehr stark an traditionelle japanische Gebräuche
  • Wird oft als der "japanischste" der japanischen Filmemacher angesehen (Zitat: "We are Japanese, so we should make Japanese things")

Ozus Erzählweise:
  • Erzählt eigentlich keine dramatischen Geschichten, sondern zeigt kleine, alltägliche, eigentlich vernachlässigbare Momente
  • Zeigte das Leben "so wie es ist"
  • Dramaturgie geprägt durch Ruhe, Harmonie, Ausgeglichenheit
  • Lieblingsthema: Lebensbilanz
  • Fragen: Hatte das Leben einen Sinn? Wie glücklich ist man am Ende des Lebens?
  • Schlussfolgerung meist negativ, verbreitet in japanischer Kultur
  • Schlusswirkung meist resignierte Traurigkeit, tiefe Melancholie
  • Fazit: Eine Tragödie entsteht aus ganz banaler Alltäglichkeit, das Leben geht weiter, die Gesellschaft existiert vollkommen unabhängig von Einzelschicksalen
  • Dramaturgie/Thematik für Europäer/Amerikaner vielleicht schwierig zugänglich, ungewohnt

Ozus Figuren:
  • Kommen immer aus gleicher Schicht: Städtische Mittelklassefamilien: Arbeiter, Angestellte, Kleinbürger
  • Die Frau als zentrale Figur der Kleinfamilie
  • Familienstrukturen, Beziehungsnetze in westlichen Geschichten der Handlung untergeordnet; bei Ozu: Selbstzweck
  • Soziales Netz der handelnden Personen muss vom Zuschauer aktiv selbst geknüpft und vervollständigt werden

Ozus Orte:
  • Typen: Zuhause (dünne, transparente Wände, Verschachtelung der Räume), Arbeitsplatz (viele gezeigt), Freizeitort (z.B. Sake-Bar)
  • Hässliche Gebäude, "Schundarchitektur", keine "piktoralen" Orte
  • Viel Zeit für Motivsuche, dabei immer zu Fuß unterwegs (Motto: "Die Motivsuche dauert solange bis man umkippt")

Ozus Ellipsen:
  • Ellipsen (Auslassungen) sind typisch für das Medium Film, z.B. Probleme des Alltags, Selbstverständlichkeiten, vermeintlich Uninteressantes wird "ausgeblendet"
  • Schnitt erlaubt Zeitellipsen
  • Fragen: Was wurde ausgelassen? Was könnte passiert sein? Kann man mit Ellipsen mehr machen als nur Zeit zu überspringen?
  • Bei Ozu: dramaturgisch raffinierte Löcher im Film, teilweise deutliche Lücken
  • Ozu lässt wichtige, zentrale Szenen weg
  • Erzeugt interessante Zuschauerhaltung: Erwartungshaltung wird geweckt, aber nicht befriedigt

Ozus Präzision:
  • War Perfektionist, hat extrem genau gearbeitet
  • Genaue Instruktionen, teilweise extrem viele Takes (Zitat eines Schauspielers: "Ozu war wie ein Puppenspieler")
  • Hat Drehbücher mit Storyboards versehen
  • Erlaubte keinerlei Abweichungen vom Skript
  • Möglichst exakte Zeitmessung mit Stoppuhr am Set

Hintergrund


  • Ozu war fleißiger Trinker und sehr stolz auf die Anzahl an Sake-Flaschen, die beim Entwickeln eines Drehbuchs draufgingen
  • Ozus Statistik für Tokyo monogatari: 103 Tage, 43 Flaschen Sake

Handlung


Das ältere Ehepaar Shūkichi und Tomi Hirayama beschließt, ihre erwachsenen Kinder und deren Familien in Tokio zu besuchen. Nach der langen Bahnfahrt angekommen, erkennen sie aber langsam, dass der älteste Sohn Kōichi, ein Arzt, und die älteste Tochter Shige, die einen Schönheitssalon betreibt, wenig Zeit für sie haben. Einzig Noriko, die Witwe des im Zweiten Weltkrieg gefallen Sohns, bemüht sich um ihre Schwiegereltern.

Nach nur wenigen Tagen in Tokio schieben Kōichi und Shige ihre Eltern in ein Seebad ab. Dort fühlen sie sich aber umgeben von feiernden Jugendlichen auch nicht wohl, so dass sie nach Tokio zurückkehren. Shūkichi verbringt dort einen Abend mit ehemaligen Freunden und Nachbarn in einer Kneipe, während Tomi die Nacht bei Noriko verbringt.

Bei der Rückfahrt in den Heimatort erkrankt Tomi schwer, weshalb die Reise bei dem jüngsten Sohn in Osaka unterbrochen werden muss. Zurück in der eigenen Wohnung verschlechtert sich Tomis Zustand, und die Kinder eilen an das Sterbebett ihrer Mutter.

Nach der Beerdigung reisen alle Kinder möglichst schnell wieder ab, einzig die Schwiegertochter Noriko und die noch im Elternhaus lebende jüngste Tochter bleiben bei Shūkichi zurück.

(Quelle: Artikel der deutschen Wikipedia)

Stil


Ozus Kamerastil:
  • Kamera immer auf sehr tiefem Standpunkt (knapp über dem Boden)
  • Selbst-entwickeltes Stativ (der Kameramann musste im Liegen arbeiten)
  • Bei Nahaufnahmen etwas erhöhte Position
  • Entsprach japanischen Sitzgewohnheiten: Kamera auf Augenhöhe
  • Statische Kamerapositionen
  • Der gesamte Film enthält nur zwei Kamerafahrten und gar keine Schwenks
  • Gestaltung des Lichts überließ Ozu dem Kameramann
  • Im Allgemeinen sagte Ozu dem Kameramann nie, was er von dessen Aufnahmen hielt
  • Objekte zwischen Kamera und Figuren
  • Personen oft entrückt, große Distanz
  • Figuren die sich in der Umgebung verlieren
  • Japanische Kultur/japanisches Prinzip: Nebeneinander sitzen und in die gleiche Richtung schauen (Vergleich: in westlicher Kultur: Gegenüber sitzen, Over-Shoulder-Prinzip)
  • Personen schauen bei Dialogen direkt in die Kamera

Ozus Geometrie der Auflösung:
  • Extrem geometrische Auflösungen, 90°-/180°-Ansichten (inspiriert von Buster Keaton)
  • 90°: Profil oder Frontale
  • Nähe zu abstrakter, geometrischer Malerei, Außenaufnahmen fast wie Mondrian-Bilder: wenig Tiefe, geometrisiert
  • Starke Komposition (Licht und Dunkel, Rahmungen, Vertikale sehr wichtig, Quadrate im Bild)
  • Ausgefeilte Kompositionen "aus dem Nichts"
  • Auflösungen, die nicht zeigen, wo man hinschauen soll
  • Harter Umschnitt in der Perspektive
  • Gewollte Achsensprünge
  • Kein weicher Schnitt
  • Jump cuts
  • Teilweise keine Anschlüsse erkennbar
  • Mit Musik unterlegte Landschaftsaufnahmen als Kapiteltrenner

Links