Rashomon

(Rashomon – Das Lustwäldchen)

Akira Kurosawa, 1950 (IMDb)




Der Regisseur


  • Von den drei großen japanischen Regisseuren am spätesten angefangen
  • Hat angefangen als Drehbuchautor, was maßgeblichen Einfluss auf seine Filme hatte
  • War beeinflusst vom Nō-Theater
  • War enorm talentiert
  • War technischer Perfektionist
  • War bedeutender Cutter, virtuose Art des Schneidens

Akira Kurosawa war vielleicht der "westlichste", d.h. durch den Westen (USA und Europa) am meisten beeinflusste und im Westen bekannteste Regisseur Japans, obwohl er durchgehend sehr japanisch geprägte Filme für den japanischen Markt machte. Seine Filme beschäftigten sich meist entweder mit zeitgenössischen und zeitkritischen Stoffen, oder aber mit historischen, im Japan des 16. Jahrhundert angesiedelten Samurai-Geschichten. Kurosawas wohl berühmtester Film ist Die Sieben Samurai von 1954.

Kurosawa war neben Yasujiro Ozu und Kenji Mizoguchi einer der drei großen japanischen Regisseure, und wie die meisten seiner Regiekollegen der damaligen Zeit am Set ein außerordentlich autoritärer Filmemacher. Er wurde von seiner Crew "Der Kaiser" oder einfach "The Old Man" genannt.

Einflüsse von John Ford oder Fritz Lang nutzte Kurosawa nie in Form von Filmzitaten sondern immer als Inspirationsquelle für seine eigenen innovativen Umsetzungen. Eine typische Art der Szenenauflösung Kurosawas waren sehr schnelle Kamerafahrten - auch Kurosawa-Travellings genannt - die oft zu beinahe abstrakten verschwommenen Bildern führten. Kurosawa setzte auch gerne und häufig viel Regen ein, und war einer der ersten, der Teleobjektive zur Erzeugung sehr "flacher" Bilder benutzte, um eine interessante Aufhebung von Tiefe durch die Plättung des Bildes zu erzeugen (vgl. Kampfszenen in Die Sieben Samurai).

Kurosawas Lieblingsschauspieler waren Toshirô Mifune und Takashi Shimura, die zu seinem Standardensemble gehörten, und die auch in Rashomon spielten (Mifune den Mörder Tajōmaru, Shimura den Holzfäller).

Hintergrund


Rashomon war Kurosawas erstes Meisterwerk mit großer internationaler Anerkennung. Der Film gewann bei den Filmfestspielen von Venedig 1951 als erster japanischer Film den Goldenen Löwen. Damit tauchte die japanische Filmkultur erstmals auf großer internationaler Bühne auf. Rashomon war jedoch in Japan selbst zunächst nicht erfolgreich, und wurde dort eher als misslungen angesehen.

Kurosawa, dem das Drehbuch seiner Filme immer sehr wichtig war, gelang es in Rashomon auch, neben der ausgefeilten Handlung des Films dem Filmischen eine große Wertigkeit und prägnante Rolle zu geben. Für die sehr interessante Bildgestaltung war Kazuo Miyagawa verantwortlich, dem Kurosawa bei Rashomon große Freiheit ließ und der auch für Ugetsu Monogatari von Kenji Mizoguchi die Kameraarbeit übernahm.

Rashomon spielt wie die meisten Samurai-Filme im Japan des 16. Jahrhunderts, in einer Zeit der Bürgerkriege und des Chaos. Japan war ein total verwüstetes Land, die uralte Ständeordnung löste sich auf, die japanische Kultur drohte in Barbarei zurückzufallen. Ehemalige Samurai (Mitglieder des japanischen Schwertadels), die aus ihrer Kaste verstoßen wurden, da sie keinen Lehnsherren mehr hatten oder anderweitig in Ungnade gefallen waren, zogen als sogenannte Ronin durchs Land.

Der Film basiert auf zwei Kurzgeschichten von Ryūnosuke Akutagawa, "Rashomon" und "In a Grove", wobei erstere als Inspiration für das Setting der Rahmenhandlung diente, und letztere die eigentlichen Hauptgeschichte darstellt.

Handlung


In Rashomon wird die Geschichte eines Gewaltverbrechens aus unterschiedlichen Perspektiven durch verschiedene Zeugen beschrieben. Diese Hauptgeschichte ist eingebettet in eine Rahmenhandlung, und wird in Rückblenden erzählt. Der Film kann in drei Handlungsebenen unterteilt werden, die zu großen Teilen in jeweils nur einer Hauptkulisse spielen:
  • Das halbverfallene Rashomon-Stadttor von Kyoto
  • Eine Lichtung in einem düsteren Wald
  • Ein Gerichtshof

Die Szenen am Stadttor stellen die tatsächliche Zeit dar und bilden die Rahmenhandlung des Films. Sowohl hier als auch in der eigentlichen Hauptgeschichte treten je drei Figuren auf. In der Rahmenhandlung sind dies:
  • Ein Holzfäller
  • Ein Priester
  • Ein Arbeiter

In der eigentlichen Hauptgeschichte treten auf:
  • Takehiro, ein Samurai
  • Masago, seine Ehefrau
  • Tajōmaru, ein Bandit

Weitere Personen, die in den Szenen am Gerichtshof erscheinen, sind:
  • Ein Kopfgeldjäger, der den Banditen lange gejagt und schließlich festgenommen hat
  • Ein Medium, durch dass der tote Samurai seine Version der Hauptgeschichte erzählt

In der englischen Ausgabe der Wikipedia ist die komplexe Handlung des Films übersichtlich nach Figuren aufgeschlüsselt:
Synopsis von Rashomon bei en.wikipedia.org

Die gute Tat des Holzfällers am Ende des Films, die Adoption des zurückgelassenen Kindes, wiegt seine Schuld des wahrscheinlichen Diebstahls des Dolches wieder auf.

Stil


Rashomon spielt zu großen Teilen an nur wenigen Orten mit nur wenigen Figuren. Dies ist eigentlich gefährlich für einen Film, da bei diesen Bedingungen meist nur wenige Einstellungen/Auflösungen möglich scheinen, und sich diese daher oft sehr ähnlich sind und sich teilweise auch wiederholen. Rashomon zeichnet sich aber durch einen enormen Einfallsreichtum in der Auflösung aus, so dass Orte und Figuren immer wieder aus interessanter Perspektive gezeigt werden. Die Kamera wirkt stellenweise wie ein eigener Schauspieler, der das Geschehen beobachtet.

Es folgen ein paar Beispiele für die innovative Kameraarbeit in Rashomon:
  • Der Waldgang: Für die Sequenz in der der Holzfäller durch den Wald marschiert ließ Kurosawa direkt in die Sonne filmen, was damals immer noch recht neu und kühn war. Eine ähnliche Einstellung realisierte Kurosawa bereits in seinem früheren Film Der streunende Hund (1949).
  • Die Begegnung: In der Szene, in der sich der Bandit Tajōmaru und das Ehepaar zum ersten Mal begegnen, schaut Tajōmaru liegend an einen Baum gelehnt in die Richtung, aus der ihm der Samurai mit seiner auf dem Pferd sitzenden Frau entgegenkommt. Dabei erfolgt aber kein Umschnitt einer Subjektive, sondern eine Kamerafahrt mit einem gleichzeitigen Schwenk zur Rückansicht des Banditen mit dem Ehepaar im Hintergrund. Das Ehepaar geht an dem Banditen vorbei, dieser schaut in das vom Wind freigelegte, sonst von einem Schleier verdeckte Gesicht der Frau, und es findet eine Gegenfahrt statt: Das Ehepaar geht auf dem Weg in die Entfernung, die Kamera fährt schräg in die Richtung aus der es gekommen ist, der Bandit am Baum befindet sich rechts in der Mitte des Bildes.
  • Der Raub: Auch in Rashomon setzte Kurosawa seine berühmten Travellings ein, allerdings oft auf eine subtile, nicht ganz so offensichtliche Art. Travellings finden sich z.B. in der Sequenz, bei der der Bandit den Samurai in eine Falle lockt, danach zur Frau zurückläuft, und diese zur Lichtung führt.
  • Die Konfrontation: In der Szene der Haupthandlung, bei der der Bandit die Ehefrau des Samurai auf die Lichtung führt, an deren Rand ihr Mann gefesselt am Boden kniet, ordnet Kurosawa die Personen im Dreieck an und zeigt verschiedene Variationen der Dreierkonstellation. Es sind abwechselnd jeweils zwei Figuren aus verschiedenen Blickwinkeln im Bild zu sehen. Die Frau blickt den Samurai an, dieser blickt zunächst zurück, dann zum Banditen, der wiederum ihn anschaut, danach die Frau, die wiederum den Banditen anschaut, bevor sie wieder zum Samurai blickt.
  • Der Gefangene: Der gefesselte Samurai wird in einer Szene frontal aus der Entfernung gezeigt, danach folgen mehrere Sprünge in der Achse nach vorne, bis er in Nahaufnahme zu sehen ist, gefolgt von einer Subjektive.
  • Es finden an mehreren Stellen auch Kamerafahrten in Rückenansicht statt.

Die Szenen am verfallenen Stadttor von Kyoto spielen fast ausschließlich im Regen. Um das Regenwasser besser auf Film zu bannen ließ Kurosawa es mit schwarzer Tinte vermischen.

Wie oben und in der Synopsis der Wikipedia dargestellt verläuft die Geschichte in drei Zeitebenen: Aus der Rahmenhandlung heraus wird die eigentliche Haupthandlung direkt, oder aber über die zusätzliche Zeitebene der Geschehnisse am Gerichtshof erzählt, d.h. eine Figur der Rahmenhandlung erzählt davon, wie eine Figur am Gericht erzählt, was sich in der Haupthandlung abgespielt hat. Es findet also eine doppelte Rückblende statt.

Rückblenden werden in Filmen meist durch eine Figur eingeleitet, die von den vorherigen Ereignissen erzählt, wobei das Gesicht der Person gezeigt wird, gefolgt von einem Schnitt zu Sequenzen die die Vergangenheit zeigen, was zunächst einleitend weiter von der Figur aus dem Off kommentiert wird, bevor die Szenen für sich selber stehen. Bei Rashomon verhält es sich ganz ähnlich, jedoch meist ohne einen weiteren Off-Kommentar: Die Szenen stehen direkt für sich, und werden nicht weiter aus der Zukunft erläutert.

Die Beziehung des Ehepaares ist sehr komplex. In den unterschiedlichen Versionen der erzählten Vergangenheit wird die Frau in verschiedenen Charakterzügen gezeigt, was zur damaligen Zeit recht ungewöhnlich war und einer gewissen "Blasphemie" entsprach.

Der in der Haupthandlung gezeigte tiefe dunkle Wald symbolisiert die mysterische Story des Films. Dabei wurden drei Arten von Licht eingesetzt:
  • Starkes, direktes Sonnenlicht
  • Kunstlicht für Spitzen
  • Indirektes Sonnenlicht über Spiegel
Das gespiegelte Sonnenlicht diente dazu, über vor die Spiegel gehaltene Zweige relativ harte Blätterschatten auf den Gesichtern der Protagonisten zu erzeugen. Die echten Schatten der Blätter des Waldes waren aufgrund der Höhe der Bäume viel zu weich.

Die dramaturgische Struktur weist insbesondere bei der Szene, in der Bandit und Frau kämpfen, schnelle Tempowechsel auf. Die Figuren werden in Posen eingefroren, dann wieder in stark choreografierten, heftigen Bewegungen gezeigt, dann erfolgen wieder langsame Kamerafahrten und Posen.

Die Zeugenaussagen und Erzählungen der Vergangenheit sind teilweise stark inkompatibel, und es gibt keine Auflösung der Wahrheit am Ende des Films.

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