Otto e mezzo

(Achteinhalb)

Federico Fellini, 1963 (IMDb)




Der Regisseur


  • Einer der wichtigsten Filmemacher Italiens
  • Hat das Kino außerorgentlich geprägt
  • Stil ist absolut einmalig ("Felliniesque")
  • Zwei Seiten: Einerseits Provinzbursche, andererseits der große Zampano, weltberühmter Regisseur
  • Markenzeichen: Schlapphut
  • Schrieb auch Drehbücher für Roberto Rossellini

Fellinis Filme:
  • Meist sehr erfolgreich, Publikumserfolge, Autorenfilme für ein enorm breites Publikum (Widerspruch?)
  • Lockerheit der Drehfolge, oft recht lange Drehs
  • Seine ersten Filme waren noch recht günstig zu realisieren, später extrem teuer, z.B. La dolce vita (1960), nur mit amerikanischem Geld finanzierbar
  • Fellini fängt oft die Vitalität und Buntheit des italienischen Lebens ein
  • Als er zum Farbfilm wechselte konnten ihm die Farben nie intensiv genug sein
  • Farborgien, aber auch Einsatz von Farbe mit Schwarzweiß-Ästhetik in Giulietta degli spiriti (1965)
  • Päpstliche Modenschau in Roma (1972): Verhöhnung die Kirche
  • Il Casanova di Federico Fellini (1976): In der barocken Kammerkantate wird das Theatralische nicht versteckt, sondern noch betont

Fellinis Gesichter:
  • Gesichter waren für Fellini ganz zentral
  • Hat oft keine Schauspieler eingesetzt, sondern einfach auffallende, extravagante, bizarre, einprägsame Gesichter/Figuren, teilweise (geistig) behinderte Menschen
  • Suche nach außergewöhnlichen Gesichtern über Zeitungsannoncen ("Fellini sucht Gesichter")
  • Hat sich dann zu den Gesichtern/Personen Geschichten überlegt

Fellinis Nähe zum Zirkus:
  • Ästhetik sehr stark vom Zirkus beeinflusst
  • Oft sehr komplexe Szenen mit vielen Figuren
  • Überfülle, barocke Art der Inszenierung
  • Wirbel der Figuren, Wirbel der Sprache, wilde Kostüme, buntes Treiben, fast über-charakteristische Figuren
  • Außerordentlich präzis gesteuertes Durcheinander
  • Kino der Attraktionen mit einprägsamen Bildern
  • Flut der Bilder

Fellinis Schauspielerführung:
  • War am Set wie ein Zirkusdirektor, seine Mitarbeiter am Set waren oft wie blind in einer Zirkusvorstellung
  • Ließ Schauspieler ohne Drehbuch arbeiteten, die Schauspieler haben das Drehbuch nie gesehen
  • Hat den Leuten am Set oft Lügengeschichten erzählt, was die Inhalte der Szenen betraf
  • Häufiges Improvisieren am Set, aber nur Fellini bestimmt, was wie gemacht wird
  • Film komplett nachvertont (im italienischen Kino damals so üblich), Dialoge bei Nachvertonung teilweise auf völlig willkürliche Lippenbewegungen gesetzt: Fellini ließ die Schauspieler Beliebiges reden, z.B. Zahlen, Speisekarte
  • Nutzte auch oft Rückenansichten
  • Stummfilmartige Inszenierung von Szenen ohne Ton

Fellinis zwei thematische Pole:
  • 1) Etwas pointiert dargestellte Volkskultur, Vitalität des Volkes
  • 2) Kultur der Herrschenden, Oberschicht, High Society, Dekadenz
  • Beide: Übertreibung, karnevalesque
  • Treffen manchmal aufeinander

Fellinis Musik:
  • Fellinis Filme leben auch sehr stark von der Musik
  • Häufige Zusammenarbeit mit Nino Rota
  • Musik spielt oft zentrale Rolle
  • Zirkusmusik

Hintergrund


  • Otto e mezzo / ist eigentlich Fellinis neunter Spielfilm: Sein achter Film hat ihn in eine Schaffenskrise gestürzt, wurde abgebrochen und nie fertig gedreht. Mit Otto e mezzo vearbeitete er diese Krise (filmische Selbsttherapie).
  • Inhalt also sehr autobiographisch gefärbt, besonders auch bezüglich der Beziehungen zu seiner Ehefrau und seiner Geliebten
  • Dialogteile wie aus dem eigenen Herzen gesprochen
  • Reflexion über das Filmemachen selbst (vgl. Jean-Luc Godard, Ingmar Bergman)
  • Vielleicht der erste Film Fellinis der ganz stark einen hohen Kunstwert, großen Anspruch anstrebt (Kadrierung, Lichtsetzung, Schnitt)
  • Italienisches Nachkriegskino eigentlich: beschränkte Mittel, dokumentarischer Stil, Neorealismus (z.B. Visconti, Antonioni)
  • Später im italienischen Kino teilweise Ausstattungsorgien
  • Fast alle Sets wurden eigens für den Film gebaut

Handlung


Die Hauptfigur, Guido Anselmi, ist ein Regisseur (also Fellinis Alter Ego), der seine Inspiration verloren hat und sich unfähig fühlt, seine aktuelle Arbeit an einem Film zu beenden. Er zieht sich in einen Kurort zurück, doch dort erscheinen bald alle die, denen er eigentlich entkommen wollte: sein Drehbuchautor, sein Produzent, seine Frau und seine Geliebte. Er kann nicht entfliehen – einzig in Tagträumen. Sein gesamtes Umfeld bedrängt ihn. Obwohl er in einer Schaffenskrise steckt, läuft die Produktion seines neuen Filmes auf Hochtouren: Guido lässt eine gewaltige Kulisse bauen, die Abschussrampe für ein Raumschiff.

Er ist völlig verwirrt, weiß keinen Ausweg und auf die Fragen von Schauspielern keine Antwort. So sagt er: „Ich wollte einen einfachen, ehrlichen Film, und jetzt herrscht in meinem Kopf die größte Verwirrung“. Immer wieder zieht sich Guido in seine Tagträume zurück, um der Welt zu entfliehen. Diese sind Erinnerungen oder Fantasievorstellungen, beispielsweise die Vorstellung eines Harems, in dem ihm alle zu Füßen liegen. Die Übergänge von Realität zu Traum verlaufen ohne Bruch.

Am Ende des Films stehen zahlreiche Journalisten am Set und wollen von Guido Auskunft über seinen Film. Guido versteckt sich – abermals in seiner Vorstellung – unter dem Tisch und erschießt sich. Gleich danach sieht man ihn im Gespräch mit seinem Drehbuchautor. Der Film wurde abgesagt, die Journalisten haben das Set verlassen, alles wird abgebaut. Nun erscheinen weiß gekleidete Personen, Clowns, Zirkusleute, Guidos Eltern, seine Frau, seine Geliebte und andere Menschen, die in Guidos Leben eine Rolle gespielt haben. Sie tanzen, von einem Kind angeführt, und Guido flüstert Luisa zu: „Das Leben ist ein Fest, lass es uns gemeinsam erleben“.

(Quelle: Artikel der deutschen Wikipedia)

Stil


  • Optisch: Bruch mit Neorealismus
  • Sehr starke Ästhetik
  • Teilweise sehr grafische Auflösung mit hohem Kontrast, die Farbe Weiß dominiert
  • Fellini hat sich Kameramann Gianni Di Venanzo von Michelangelo Antonioni "ausgeliehen"
  • Venanzo hat als einer der ersten das Licht zu realen Quellen zurückgeführt: Natürliches Licht, oft mit Überstrahlung, Realismus
  • Natürliches Licht im Gegensatz zur Künstlichkeit des Studios und zum klassische Beleuchtungsprinzip mit 3 oder 4 Lichtquellen: Key, Fill, Back, und Licht von oben (Bühnenlicht)
  • Einsatz von Bounce Cards, die eigentlich aus der Mode-Branche kamen (zuerst von Godard und Venanzo eingesetzt), für indirektes Licht
  • Dramaturgischer Einsatz der Musik, trotzdem Musik prägnant genug um in Erinnerung zu bleiben (entgegen voriger Tradition)
  • Unmerkliche Übergänge zwischen Realität und Traum
  • Film handelt von Krise und Verzweiflung, hat aber dennoch eine positive Grundstimmung und Leichtigkeit