Louisiana Story

Robert Flaherty, 1948 (IMDb)




Der Regisseur


Flaherty war eigentlich Dokumentarfilmer, der sich das Filmhandwerk für sein Erstlingswerk Nanook of the North (1922) aneignete, um die Reste der Eskimokultur festzuhalten, die er akut bedroht sah. Das Thema des Menschen im intensiven, unmittelbaren Kontakt mit der Natur findet sich in vielen seiner Werke (siehe auch Man of Aran (1934)):
  • Mensch gegen Naturgewalten
  • Natur vom Menschen bedroht
  • Situation eines Überlebenskampfes und die damit verbundene Dramatik

Vielleicht bedingt dadurch dass Flaherty nie eine fundierte Filmausbildung genossen hatte arbeitete er sehr unkonventionell. Er ging aber auch sehr gewissenhaft zu Werke, und wollte immer die optimalen Bilder, die bestmögliche Bildqualität auf die Leinwand bringen, so dass er manchmal jahrelang an seinen Filmen arbeitete, viele Tests durchführen ließ, Umschnitte und Nach-/Neudrehs machte. Dies sorgte immer wieder für Probleme bei der Finanzierung seiner Projekte.

Hintergrund


Louisiana Story war eine Auftragsarbeit Flahertys für Standard Oil, eine Erdöl-Firma die einen Werbefilm haben wollte, um den Förderarbeiten in den Sumpfgebieten von Louisiana ein positives Image zu geben. Der Film wird in verschiedenen Quellen immer wieder (fälschlicherweise) als Dokumentarfilm bezeichnet, obwohl er mit seiner sehr starken Inszenierung der Wirklichkeit dem Spielfilm sehr viel näher ist.

Louisiana Story ist in erster Linie wegen seiner faszinierenden Naturaufnahmen des Kameramanns Richard Leacock und der außerordentlich arrangierten Bilder und Kamerafahrten durch die wie verzaubert wirkende Flusslandschaft sehenswert. Die Geschichte (obwohl mit einer Oscar-Nominierung geadelt) ist eher als nebensächlich zu betrachten.

Handlung


Der Film handelt von einem Jungen, der in einem Haus im Sumpfgebiet von Louisiana zusammen mit seinen Eltern lebt. Die Familie lebt von der Jagd auf Pelztiere und Krokodile. Der Junge hält sich einen Waschbären als Haustier und Begleiter, und wird beim Durchfahren der Flusslandschaft und Jagen gezeigt (unter anderem beim Fangen eines Krokodils, von dem er annimmt, es hätte seinen Waschbären gefressen). Der Vater des Jungen schließt mit einer Erdölfirma einen Vertrag über Bohrungen in einer Bucht in der Nähe ihres Hauses. Die Arbeiter beginnen mit den Bohrungen, und werden dabei interessiert vom Jungen beobachtet, der ihnen zeigt, wie toll er Fische fangen kann. Zwischen einem der Vorarbeiter und dem Jungen entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft, und der Junge besucht immer wieder die Bohrungen. Am Ende werden die Arbeiter trotz eines zwischenzeitlichen Rückschlags, bei dem statt Erdöl nur Salzwasser und Gas aus der Tiefe des Erdreichs emporschießt, mit einer sprudelnden Ölquelle belohnt, und setzen darauf den sogenannten Christbaum, d.h. eine röhrenförmige, poliert glänzende Apparatur mit mehreren Ventilen zum Abzapfen des Erdöls. Da dies das Ziel des Ganzen war, zieht die Erdölfirma mitsamt der Gerätschaften wieder aus dem Sumpfgebiet ab, und der aus dem Wasser ragende Christbaum ist das einzige, was von den Arbeiten zurückbleibt.

Stil


Louisiana Story weist einen eigenartigen Umgang mit Zeit auf, sowie eine eigenartige, interessante Struktur des Erzählens. Der Anfang des Films gestaltet sich wie ein Märchenfilm, und arbeitet mit sehr stark konstruierten, fast geometrischen Einstellungen und Kamerafahrten (seitliche Schwenks und Fahrten, diagonal entgegengesetzt, oder im rechten Winkel). Es werden fantastische Bilder einer märchenhaften, verzauberten Natur gezeigt. Flaherty ging es darum, in seinen Filmen Momente der Offenbarung festzuhalten, wo sich die Magie des Lebens und der Natur in all ihrer Schönheit zeigen sollte.

Das Gleiten der Boote und der Kamera im Wasser vermittelt eine eigenartige Zeitlosigkeit, Ortslosigkeit, Richtungslosigkeit. Der Schnitt beeinflusst dabei sehr stark die Aufmerksamkeit der Zuschauer. Das recht langsame Tempo des Gleitens wird immer wieder durch kurze, belebende Einstellungen aufgelockert, und teilweise auch durch Jump Cuts unterbrochen. Trotzdem wirkt es so, als ob der Anfang aus nur wenigen langen Sequenzen bestünde.

Das Errichten des Bohrturms und weiterer Maschinen der Erdölfirma mitten hinein in die märchenhafte Idylle der Landschaft wird nicht als Eindringen des Menschen in eine unberührte Natur gezeigt, sondern als "natürliche, harmonische Ergänzung". Die großen Fördermaschinen werden zunächst dargestellt wie ein prähistorisches, mystifiziertes, märchenhaftes, großes Tier, das sich langsam seinen Weg durch die Sümpfe bahnt. In mehreren Einstellungen wird der riesige Bohrturm nur als Spiegelung im Wasser gezeigt und wird durch aufsteigenden Dampf verdeckt, was ihm zusätzlich eine geisterhafte Erscheinung verleiht.

Das parallele Zeigen des Auswerfens der Angel beim Jagen nach Fischen und des Aufbaus des Bohrturms beim Suchen nach Erdöl erzeugt eine Gleichstellung der Dramen des Überlebenskampfes in der Natur und des unternehmerischen Kampfes um Rohstoffe. Es wird so dargestellt, als machten die Bewohner der Sumpflandschaft und die Arbeiter der Ölfirma im Grunde das gleiche, als säßen sie im gleichen Boot.

Nach dem Abziehen der Erdölfirma bleibt im Film als einziges Zeugnis der Bohrungen der Christbaum zurück, was natürlich in krassen Gegensatz zur Wirklichkeit steht: Die Arbeiten in den Sumpfgebieten von Louisiana haben die Natur dort nachhaltig beeinträchtigt, teilweise sogar auf Jahre zerstört. Ölförderanlagen wurden einfach so verrostend zurückgelassen. Von einem harmonischen Einfügen der Technik in die Natur kann keine Rede sein.

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