Le jour se lève

(Der Tag bricht an)

Marcel Carné, 1939 (IMDb)




Der Regisseur


  • War herausragender Vertreter des poetischen Realismus, bei ihm immer sehr pessimistisch
  • War Regieassistent von Jacques Feyder
  • War neben Jean Renoir einer der wichtigsten französischen Filmemacher der 1930er Jahre
  • Typisch für seine Filme war eine symbolische Aufladung des Lichts und der Dekoration
  • Verwendete in seinen Filmen immer eine sehr starke Exposition
  • Ließ für seine Filme enorme Sets bauen, teilweise ganze Stadtviertel im Studio

Hintergrund


  • War auf den Filmfestspielen von Venedig 1939 als bester Film nominiert
  • Sehr pessimistische Grundhaltung, vielleicht aufgrund des aufkommenden Zweiten Weltkriegs
  • Als der Film 1939 herauskam war er politisch stark umstritten, wurde bei Ausbruch des Krieges sogar als demoralisierend verboten
  • Kam in Deutschland erst 1955 in die Kinos

Poetischer Realismus:
  • Entstand im französischen Kino geprägt durch die wirtschaftliche Krise Anfang der 1930er Jahre
  • Drang nach Realitätsnähe und Sozialkritik
  • Themen: "Bevorzugung der düsteren Seiten des Lebens, Sympathie für die Benachteiligten, Aufmerksamkeit gegenüber sozialen Problemen, speziell dem Konflikt zwischen Individuum und Gesellschaft, Situierung der Personen in einem spezifischen Milieu" (Zitat Ulrich Gregor, Enno Patalas: Geschichte des Films [1973])
  • Bereitete den später in Italien entstandenen Neorealismus maßgeblich vor

Hauptdarsteller Jean Gabin:
  • Großer Star des französischen Kinos
  • Spielte für Carné auch in Quai des brumes (1938), siehe unten
  • Starqualität bringt immer gewisse Regeln mit sich: der Selbstmord einer von einem Star gespielten Figur aus vollkommener Verzweiflung war undenkbar im Hollywoodschen Kino
  • Moralische Restriktionen bei Gabin nicht zwingend, sondern erfrischend anders, modern, europäisch
  • Gabin hatte es sich immer vertraglich zusichern lassen, im Film in einer Szene auszurasten

Quai des brumes (1938):
  • Nähe zu Hollywoodschem Film noir
  • Bis ins Detail ausgetüftelte Lichtführung
  • Nebel: Simulation von Nebel teilweise durch Verlauffilter für Schärfe; keine Perspektive, kein Horizont, alles voller Nebel, trist, pessimistisch, aussichtslos
  • Lichtpunkte: exzentrischer, unkonventioneller Umgang mit Lichtpunkten, wie zufällig statt filmisch konzipiert: Verlorenheit der Figuren wird symbolisiert, in dem die Lichtpunkte, die oft fast wie Spots anmuten, neben den Figuren liegen: so wird die Aufmerksamkeit von den Personen weggezogen (das Auge wandert immer zum hellsten Punkt); oft sind die Figuren sogar nur Silhouetten
  • Doppelempfindung des Lichts: einerseits sehr realistisch, aber auch wieder sehr künstlich, weil zu absichtlich gesetzt
  • Gesichter: Lichtsituation macht sich selbstständig und erzählt die Geschichte mit; oft wechselt in jeder Einstellung (Schuss/Gegenschuss) das Licht: mal ist die eine Figur eine Silhouette und die andere gut ausgeleuchtet, im Gegenschuss dann umgekehrt

Les enfants du paradis (1943-1945):
  • Ein Film über das Theater, Theaterstile, Theatergeschichte
  • Poetische Dialoge, die wie Alltagssprache wirken
  • Masse und Individuum: alle Helden, die aus der Masse auftauchen, können auch genauso schnell wieder in der Masse verschwinden
  • Theatergeschichte: ein Thema des Films: der Hauptdarsteller will aus den Konventionen ausbrechen und ein Drama nicht so spielen wie es bisher üblich war
  • Zynismus: Schmerz/Tragik des Helden (die Unerreichbarkeit seiner Geliebten) steht in starkem Kontrast zur Masse der Feiernden

Handlung


Der mit einer Pistole bewaffnete Arbeiter François hat sich in seinem Zimmer im obersten Stock eines düster allein stehenden Mietshochhauses in der Pariser Vorstadt verbarrikadiert. Die Polizei belagert das Haus. Der Arbeiter hat nicht wieder gut zu Machendes getan: Er hat den Mann erschossen, der ihm die Verlobte Françoise ausspannte, eine Blumenverkäuferin. Dieser Mann, Valentin, der sich mit Hundevorführungen in Lokalen durchschlägt, ist witzig und elegant, das hat Françoise verführt. Clara, die ebenfalls einmal Valentins Geliebte war, hat François über den Treubruch seiner Verlobten aufgeklärt und wird ihrerseits zu François’ Geliebter... Aber er kann Françoise nicht vergessen und hat Valentin erschossen, als dieser versuchte, ihn zu demütigen. Das alles wird in Rückblenden erzählt, aus denen der Film immer wieder in die ausweglose Situation von François in seiner Dachkammer in dem düsteren Mietshochhaus in der Pariser Vorstadt zurückkehrt. Als die Polizei das Haus stürmen will, begeht François Selbstmord.
(Quelle: Wikipedia)

Stil


  • Interessanter Umgang mit Dialogen und Bauten/Filmarchitektur
  • In Rückblenden erzählt; im Gegensatz zu Le Crime de Monsieur Lange (1936) kehrt man aber immer wieder in die Gegenwart zurück

Filmarchitektur:

Dialoge:
  • Nähe zu Realität, Alltag, Echtheit
  • Sehr umgangssprachlich, "vernuschelt", gewisse "aurale Unschärfe"
  • Tatsächlich aber filmisch konzipierte Dialoge
  • Autor: Jacques Prévert: Meister des Seiltanz zwischen alltäglichem Gerede und metaphenreicher, gehobener Sprache; war guter Freund von Ausstatter Alexandre Trauner; schrieb ebenfalls die Dialoge bei Le Crime de Monsieur Lange (1936) von Jean Renoir

Vertikale:
  • Konvention: Kamera führt am Anfang des Films in den Ort ein, wo der Hauptteil der Handlung stattfindet (vgl. Sous les toits de Paris [1930])
  • Ort: Kreuzung/Platz in einem Arbeiterviertel, heterogene Baustile, Authentizität, aber Naturalismus nur Schein
  • Riesiger Wohnturm inmitten sehr viel kleinerer Häuser, nackt und einsam
  • Inhaltliche Aussage entsprechend dem Kern der Geschichte

Belagerung:
  • Hauptfigur hat sich selbst in Zimmer in Wohnturm eingeschlossen
  • Beschuss durch Polizei von anderem Haus

Fabrik & Blumen:
  • Hauptfigur erscheint in seiner Arbeitskleidung wie Marsmensch/Astronaut
  • Blumen verwelken schon während des (Kennenlern-)Dialogs der Hauptfiguren aufgrund der Verschmutzung in der Fabrik
  • Als Metapher Aussage über Umweltverschmutzung
  • Politische Aussage über Arbeitssituation eines Großteils der Bevölkerung in Frankreich

Individuum & Masse:
  • Hauptfigur oben im Fenster des Wohnturms, Menschen auf Platz
  • Hauptfigur wie ein politischer Redner, Tribun, Streikführer, der zu der Masse spricht
  • Dann Umkehrung: Masse spricht zu Hauptfigur, rhetorische Gewalt geht über zum "Volk", Durchhalteparolen, Motivation
  • Dann kommt die Polizei, wie bei einer politischen Veranstaltung, um die Masse aufzulösen
  • Wie eine politische Demonstration ohne politische Inhalte, nur individuelles Schicksal der Hauptfigur, aber alltagspolitische Inhalte schwingen mit

Sonnenaufgänge:
  • Mietshaus wie ein Aussichtsturm, von dem aus man in die Zukunft schauen kann
  • Sonnenaufgang als Symbol für die Zukunft/Hoffnung/Optimismus wird zynisch unterwandert, umgekehrt: Held bringt sich bei den ersten Sonnenstrahlen aufgrund seiner ausweglosen Situation um
  • Sonne wirft Licht ins Zimmer, erleuchteter Rauch von Tränengasgranate, wie sakrale Himmelfahrt

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