La Passion de Jeanne d'Arc

(Johanna von Orléans)

Carl Theodor Dreyer, 1928 (IMDb)




Der Regisseur


  • 1889 in Kopenhagen geboren
  • Gilt als einer der wichtigsten Visionäre des Kinos und der bedeutendsten europäischen Regisseure seiner Zeit
  • Begann seine Filmkarriere als Drehbuchautor
  • War vorher Theaterkritiker
  • Hat in seiner Karriere für mehrere europäische Länder gearbeitet: Dänemark, Deutschland, Schweden, Frankreich, Norwegen
  • Hat sehr früh mit dem Filmemachen angefangen
  • Hat gerne ungewöhnliche Kamerabewegungen eingesetzt
  • Hat für damalige Zeit ungewöhnlich realistische Filme gemacht

Dreyers Realismus:
  • Alles musste echt sein
  • Reale Locations und Ausstattung (so war es z.B. möglich, Decken im Bild zu zeigen, was in einem Studio, wo Decken in der Regel nicht gebaut wurden, nicht möglich war; im Hollywood der 1920er wurde fast nur im Studio gedreht; nordeuropäische Regisseure drehten vermehrt draußen und in realen Räumen)
  • Echtes, glaubwürdiges Licht
  • Enorme Abweichung von damaligen Gewohnheiten
  • Realitätsnähe als großer Unterschied zum Theater
  • Einer der ersten Regisseure in Europa der Film so genutzt hat

Du skal ære din hustru (dt.: Herr des Hauses, 1925):
  • Ideologisch ganz erstaunlich, sehr moderne Haltung
  • Radikal feministisch: aus Perspektive der Frau, die von ihrem Ehemann unterdrückt wird
  • Nicht theatralisch, nicht groß gestikulierend, sondern Szenen des Alltags, Naturalismus, Echtheit

Hintergrund


  • Mit einem internationalen Team in Frankreich produziert
  • Gilt als einer der bedeutendsten französischen Filme der 1920er Jahre
  • Stark französisches Thema
  • Basiert auf den Originalprozessakten des Inquisitionsprozesses gegen Jeanne d’Arc
  • Gab Aufschrei in der Presse: ein evangelischer Däne dreht einen Film über eine französische katholische Nationalheldin
  • War Auftragsarbeit wegen des bevorstehenden 500. Todestags der Jeanne d'Arc
  • War außerordentlich teuer, aber wenig vom Aufwand auf der Leinwand zu sehen
  • Streng chronologischer Dreh: alle Leute von Anfang bis Ende da; auch ein Grund für die enormen Kosten
  • Endloser Dreh, sehr viele Szenen gedreht, Entscheidung über Auswahl der Szenen erst am Schneidetisch
  • Erstes Meisterwerk Dreyers
  • Premiere in Kopenhagen
  • War gigantischer Flop an den Kinokassen
  • Filmkopie, die für Norwegen und Schweden vorgesehen war, wurde nie gezeigt, ist heute komplett erhalten
  • Danach für Dreyer große Schwierigkeiten der Finanzierung weiterer Projekte (hat bis 1968 nur noch vier Filme gemacht)
  • Szenen des Films tauchen in Jean-Luc Godards Vivre sa vie (1962) auf: die Hauptfigur Nana sieht den Film in einem Kino und identifiziert sich mit Jeanne d'Arc

Hauptdarstellerin Renée Jeanne Falconetti:
  • War damals in Paris eine gefeierte Theaterschauspielerin, lebte sehr mondän
  • Hat selbst Theaterstücke produziert
  • Hat viel Geld verdient, konnte aber damit nicht umgehen ("Sie hatte Löcher in den Händen", Zitat Fred v. d. Kooij)
  • Spielte auch männliche Hauptrollen
  • Dreyer sah sie zuerst in einer Männerrolle, vielleicht Inspiration zur Besetzung als Jeanne d'Arc
  • Erste Filmhauptrolle in La Passion de Jeanne d'Arc
  • Hat große Hoffnungen in den Film gesetzt
  • Hat nach dem Flop des Films keine weiteren Filme gemacht
  • Wurde von Dreyer beim Dreh ziemlich drangsaliert (siehe Haarschnitt)
  • Aber Dreyer hat sie auch auf Händen getragen und versucht, eine perfekte Atmosphäre für ihr Spiel zu schaffen

Der Haarschnitt:
  • Dreyer bestand auf einer echten Kahlrasur, was alle Beteiligten schockiert hat
  • Das Team hat ihn dafür verachtet

Antonin Artaud:
  • War damals eine Art Außenseiter
  • Spielt einen Mönch
  • Wollte eigentlich ein erfolgreicher Schauspieler werden, hat aber nur wenige Filme gemacht
  • Wurde erst in den 1950er/60er Jahren vor allem als Dichter in Frankreich bekannt

Restaurierung des Films in den 1950er Jahren:
  • Titel auf Texttafeln in gothische Glasfenster gesetzt oder direkt auf Bilder kopiert
  • Hinzufügen von sakraler Musik und Gesängen, was einer Vergewaltigung des Werkes gleichkommt (Fred v. d. Kooij): Dreyer wollte keine musikalische Begleitung ("Dieser Film muss stumm vorgeführt werden.")

La Merveilleuse vie de Jeanne d'Arc (1929):
  • Gleichzeitig in Frankreich als konkurrierender Film entstanden
  • Enormer Ausstattungsfilm
  • Schön inszenierte Schlachten und melodramatisch gefärbte persönliche Szenen
  • Kam erst nach Dreyers Film heraus und steht bis heute in dessen Schatten

Handlung


Der Film zeigt mit Prozess, Gefangenschaft, Folter, und Exekution die letzten Tage im Leben von Jeanne d'Arc.

Stil


  • Freier Umgang mit Kamera: Achsensprünge, gewagte Kadrierungen, extremer Einsatz von Nahaufnahmen und Untersicht zur Verstärkung des Eindrucks der Verwirrung der Hauptfigur
  • Schlichte Ästhetik
  • Fokus auf Emotionen
  • Keine Schminke für die Schauspieler, Gesichter wie nackt (damals außerordentlich ungewöhnlich und gewagt: Makeup normalerweise eingesetzt, um durch stark geschminkte Lippen und Augen die Zeichnung im Gesicht im hellen Licht nicht zu verlieren)
  • Film als Zusehen von Denkvorgängen, anstelle von Aktionen und Reaktionen
  • Nähe zum Passionsspiel
  • Teilweise fast abstrakte Bilder
  • Echte Bauten, z.B. real aus Stein gebauter Kerker
  • Ursprünglich wurden für Totalen große Kulissen (z.B. ein kleines Dorf) gebaut und auch nach Schuss-Gegenschuss gedreht, aber im Schnitt wurde dies alles verworfen: Dreyer hat fast nur noch Nahaufnahmen gelassen und und auf allgemeine Orientierung verzichtet
  • Der Film müsste aufgrund seiner Nähe zu den Prozessakten eigentlich sehr textlastig sein, aber Texttafeln wurden sehr zurückhaltend eingesetzt
  • Beeinflussung durch Malerei des Mittelalters: Heiligenbilder, Himmelsblick
  • Jeanne d'Arc als schlagfertige, intelligente, aber tragische Figur im Tribunal (Schachspiel-Charakter)

Kameraarbeit:
  • Fast ausschließlich Nahaufnahmen, Großaufnahmen
  • Keine echten Subjektiven
  • Ein paar ganz originelle, spektakuläre Kamerabewegungen
  • Kameragestell extra gebaut für auf dem Kopf stehende Welt, die ins Lot gebracht wird
  • Schwenkbewegung einer im Boden eingelassenen Kamera auf darüber laufende Leute

Blicke:
  • Achsenregel galt damals noch nicht, wurde erst später in Hollywood entwickelt
  • Emotionen in der Montage wichtiger als Blickrichtungen, Richtungen eher unwichtig
  • Extreme Großaufnahmen

Tiefe Platzierung im Bild:
  • Merkwürdige Kadrierung: sehr tiefe Platzierung von Personen im Bild, oben sehr viel Luft
  • Es gab damals keinen Kamerakontrollmonitor

Extravagante Bildkomposition:
  • Ganz interessante Art von Komponierung: Arbeit mit Leere, keine fließende Montage, langsames Tempo, heftige Kontraste
  • Teilweise bei aufeinanderfolgenden Bildern sehr verschiedene Bildkomposition
  • Schräge Bildkomposition, die den Eindruck vermitteln, die Welt sei aus den Fugen geraten

Raumbildung:
  • Kein etablierendes Raumprinzip: Praktisch keine Establishing Shots: Leute tauchen plötzlich auf
  • Irrationale Art von Raumgefühl, Räume wie irreal
  • Kein richtiger Eindruck, wie ein Raum aufgebaut ist
  • Raumgefühl schwierig zu erhalten: Wo stehen Leute im Raum/zueinander?
  • Leute laufen wie in einer Art "Nicht-Raum"
  • Emotionalisierter Raum

Szenische Auflösungen:
  • Jeanne nie stilisiert, immer naturalistisch gezeigt
  • Mönche immer auf besondere, charakterisierende Art dargestellt
  • Größe von aufeinanderfolgenden Nahaufnahmen nicht angeglichen
  • Augenlinie springt von Schnitt zu Schnitt
  • Wechsel zwischen Totale und Halbtotale
  • Naheinstellungen nur aus dramaturgischen, nicht aus klärenden Gründen

Verbrennung:
  • Rauch und Überstrahlungseffekt des Feuers sorgen für eine Art Vergeistigung: Jeannes Seele löst sich aus dem Körper

Schlusssequenz:
  • Revolte gegen Besatzungsmacht
  • Großaufnahmen, abstrakte Bilder, heftige Bewegungen, Unschärfe