L'eclisse

(Liebe 1962)

Michelangelo Antonioni, 1962 (IMDb)




Der Regisseur


  • Italienischer Avantgarde-Filmregisseur, Autor und Maler
  • War zusammen mit Jean-Luc Godard großer Trendsetter in den 60er Jahren
  • Nicht viele große Filme (nur ca. 5-6) die seine Bedeutung ausmachen
  • Machte Filme für die gehobene Mittelklasse
  • Zeitgenössische, moderne Themen: Kommunikationsprobleme, Liebesunfähigkeit, Innere Entfremdung/Zerissenheit, Sinnlosigkeit des Lebens
  • Hatte gewisses Renommee als Schriftsteller (Kurzgeschichten) in Italien
  • L'avventura (1960), in Cannes vom Publikum verlacht, von den Kritikern gefeiert, war sein internationaler Durchbruch
  • Großer Einfluss auf Kar Wei Wong und den frühen Wim Wenders
  • Erlitt 1985 einen Schlaganfall, ist seitdem fast stumm
  • 1995 von Wenders unterstützt bei Al di là delle nuvole (Jenseits der Wolken)
  • Erhielt 1995 einen Academy Honorary Award für sein Lebenswerk

Antonionis Stil:
  • War unglaublich formal perfekt
  • Benutzte keine Storyboards, sondern entwickelte direkt vor dem Dreh die Auflösung am Set
  • Gab am Set sehr kurze, sehr präzise Anweisungen, immer mit knapper Begründung, sehr hohes Tempo, aber unaufgeregt
  • War von abstrakter Malerei inspiriert
  • Ausgefeilte, strenge Kadrierung, geometrisches Labyrinth, eigenartige Qualität
  • Intellektuelle Filme neigen dazu, geschwätzig zu werden; nicht so bei Antonioni: Kraft der Bilder
  • Liebhaber der Architektur, enormes Auge für Räume (vgl. Wenders): Architektur als eigener filmischer Raum, Schönheit der Umgebung wird filmisch umgesetzt, erhält eigene filmische Qualität
  • Sehr günstig produzierte Filme, aber trotzdem Aussehen wie großes Budget
  • Machte sehr viele "falsche Anschlüsse": Leute gehen verloren, Scheinbeziehungen, Irritationen
  • Eigenartige Dramaturgie: Mischung aus Dramatik und Nicht-Dramatik
  • Rückenansichten oft und bewusst eingesetzt: Objektivierung, Anonymisierung der Figuren, Figuren als Ornamente in Bildkomposition, Gefühle verborgen
  • Eigenartige Subjektiven: z.B. Kamerafahrt in leerem Dorf, ohne Figuren, die schauen könnten
  • Elliptisch verlaufene Dialoge, die nirgendwo hinführen/im Nichts enden
  • Um die Stimmung eines Gesprächs wiederzugeben zeigte Antonioni manchmal Details des Raumes, statt mit Schuss und Gegenschuss die Gesichter der Figuren zu zeigen
  • War ein Meister der Schlüsse

Eigenartigkeit von L'avventura (1960):
  • Hauptdarstellerin verschwindet nach 20 Minuten
  • Nebendarstellerin übernimmt Hauptrolle
  • "Negative" Detektivgeschichte: Das Rätsel um das Verschwinden der Hauptdarstellerin wird nicht aufgeklärt

Hintergrund


  • Dritter Teil einer thematischen/stilistischen Trilogie: erster Teil: L'avventura (1960), zweiter Teil: La notte (1961)
  • Manchmal als Tetralogie angesehen: vierter Teil: Il deserto rosso (1964), Antonionis erster Farbfilm
  • Hauptthema: "Entfremdungsballade", Entfremdung des Menschen in der modernen Welt
  • Fünfte und letzte Zusammenarbeit mit Kameramann Gianni Di Venanzo
  • War für die Goldene Palme bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes 1962 nominiert, gewann den Sonderpreis der Jury

Handlung


Der Film spielt in den grauen Vorstädten Roms. Vittoria arbeitet als Übersetzerin. Mit ihrem Freund Riccardo ist sie bereits seit langem zusammen. Nach einer durchstrittenen Nacht verlässt sie Riccardo. Sie trifft anschließend ihre Mutter, die an der römischen Börse als Spekulantin ihr Glück versucht. Dort lernt Vittoria den jungen Piero kennen. Piero ist ebenso ziellos wie Vittoria. Er ist ohne eigenes Zuhause, lebt manchmal bei den Eltern oder übernachtet im Büro. Den Handel an der Börse betrachtet er als Sport. Langsam und einsilbig beginnen sie eine Beziehung, da sie glauben, dass ihr beiderseitiges Gefühl von Verlorenheit sie miteinander verbindet. Doch das Gefühl, das sie meinen füreinander zu haben, trügt. Ihr Verlorensein ist stärker als eine Liebe füreinander. Sie verabreden sich, doch niemand von beiden kommt zum verabredeten Ort. Eine Sonnenfinsternis (ital.: l'eclissi solare ) beendet den Film.

(Quelle: Artikel der deutschen Wikipedia)

Stil


  • Modernes Lebensgefühl der 60er Jahre
  • Moderne Architektur
  • Unkonventionelle Erzählweise
  • Ereignishöhepunkte im Gegensatz zu inhaltlichen Höhepunkten
  • Kontrast zwischen Liebesgeschichte/-chaos und stilistischer Umgebung
  • Bilder sind wichtiger als Dialoge
  • Sehr grafische Auflösung, Geometrisierung, Stilisierung
  • Interessanter Umgang mit Glas: durchsichtig, aber nicht durchdringbar
  • Beeindruckende Massenszene in der Börse
  • Inszenierte Zufälle

Figuren:
  • Innere Entfremdung/Zerissenheit und Entfremdung zwischen Personen
  • Heftigkeit, aber Unmöglichkeit des Begehrens
  • Menschen, die einen Stand in der Evolution erreicht haben, dass sie keine Sexualität brauchen, aber sie ist trotzdem vorhanden
  • Beliebigkeit von Liebesbeziehungen, Art von Hedonismus
  • Figuren aus der intellektuellen Schicht, die keinen Zugang zu den eigenen Gefühlen haben
  • Unklarheit der Figuren über eigene Gefühle macht (traditionelle) Identifikation mit Figuren schwierig
  • Zuschauer in ähnlicher Situation: Zuschauer kann sich nur schwer über seine Gefühle den Film betreffend klar werden
  • Gefühlte Leere ist wichtig für Dramaturgie
  • Menschen sind reduziert, Dinge/Objekte erwachen zum Leben, erhalten Seele, Eigenleben
  • Verschiebung von Figuren zu Objekten: Was ist lebendig? Was ist tot?

Musik:
  • Giovanni Fusco
  • Moderne, zeitgenössische Musik (im Gegensatz zu klassischer amerikanischer Symphonie)
  • Atonale Musik (Arnold Schönberg), avantgardistische Musik
  • Antonioni war kein Freund der Oper (eine solche Einstellung ist in Italien mit Gotteslästerung vergleichbar)
  • Sparsamer Umgang mit Musik, aber auch immer wieder Klangereignisse die fast musikalisiert sind, z.B. die im Wind wankenden Fahnenstangen, die ungewohnte Geräusche erzeugen, die schon fast musikalisch wirken

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