Institute Benjamenta

or: This Dream People Call Human Life

Brothers Quay (Stephen & Timothy Quay), 1995 (IMDb)




Die Regisseure


  • Eineiige Zwillinge, 1947 geboren in den USA, leben seit Anfang der 1960er Jahre in England
  • Fast schon "symbiotische" Beziehung zwischen den beiden: beenden z.B. in Interviews gegenseitig ihre Sätze
  • Machen hauptsächlich experimentelle Animations-/Trickfilme (Puppenanimation, Stop-Motion)
  • Machen sehr aufwändige Produktionen (üblich bei Stop-Motion-Filmen), arbeiten sehr lange an ihren Filmen, übernehmen alle Schlüsselpositionen selbst
  • Haben erst sehr wenige Langfilme gemacht, wenige Realfilme
  • Sind inspiriert von osteuropäischer Kunst
  • Machen Filme mit starker Symbolik, ironisch, z.T. religös
  • Bedeutendster Beitrag für die Filmgeschichte: außergewöhnliche Kameraarbeit: die Kamera als Lebewesen
  • Aber auch interessante Arbeit mit Licht und Ton, Licht auch wie ein Lebewesen, flackert, pulsiert, bewegt sich
  • Generell: alles was in den Filmen enthalten ist wird zum Leben erweckt, wird animiert
  • Haben Probleme neue Animationsprojekte (z.B. über Fernsehsender) zu finanzieren, immer schwieriger, immer bürokratischer
  • Finanzierung ihres Studios hauptsächlich über Poster-/Plakatdesign/-illustration, Ausstattung/Szenenbild/Dekors für Theaterstücke und Opern, und kleine Werbefilme (meist reicht dabei einer im Jahr; die Quays mögen Werbung eigentlich nicht so sehr)

Kameraarbeit der Brothers Quay:
  • Bei Film traditionell: Kamera wie menschliches Auge, wie menschlicher Blick auf die Welt
  • Bei den Brothers Quay: sehr mechanische Kameraführung, Kamera nicht wie menschliches Auge, sondern als "dritte Puppe"
  • "Auf menschliche Wünsche dressiert, ohne zu wissen warum" - Zitat F. v. d. K. (vgl. Rettungs-/Such-/Drogenhunde)
  • Kamera führt Befehle aus, die sie selbst nicht versteht, weicht aber auch, wie durch eigene Bedürfnisse gelenkt, davon ab
  • Kamera hat Eigenleben, muss diszipliniert werden
  • Kamera-/Bildschärfe hat ebenso Eigenleben
  • Kamera macht nicht direkt das, was der Zuschauer vielleicht sehen möchte, oder was er erwartet zu sehen
  • Erzählung erhält durch lebendig wirkende mechanische Kamera eine eigenartige Spiritualität, Vermischung von Mechanik und Spiritualität
  • Beispiel: Das Kameraauge in Rehearsals for Extinct Anatomies (1988): Inhalt: Älteres Ehepaar, kranker Mann, eigentlich ein Melodram; teilweise zitternde Bilder; Musik ähnlich mechanisch wie Kamera, wie verrostet, wie aus einer "Musikmaschine"; merkwürdige Situation, wie Poesie

Kombination erfundener Welten mit realen Figuren:
  • Beispiel: The Comb (1990): Schlafende Frau liegt in Bett und träumt
  • Bilder der Frau real in Schwarzweiß, Traumbilder sind Animation in Farbe
  • Bildseitenverhältnis bei Realbildern gequetscht, reale Figur dadurch geplättet, verzerrt, in die Länge gezogen
  • Dadurch Integration/Vermischung von menschlicher Figur und Animation möglich
  • Menschliche Figur erhält merkwürdige Anmutung, wird objektiviert, auch durch eigenartige, puppenartige, zuckende Bewegungen der Hand
  • Die Hand der Frau macht sich auf den Boden hängend selbstständig, genau wie die Hände der Puppe im Traum, die versucht, eine Leiter hinaufzuklettern
  • Objekte haben Eigenleben, leben mehr als die realen Menschen
  • Erfundene Welten, deren Gesetze der Zuschauer nicht kennt: Prinzip Ursache und Wirkung wird ausgehebelt, physikalische Gesetzmäßigkeiten gelten nicht mehr

Erzählweise der Brothers Quay:
  • Scheinen auf den ersten Blick keine Geschichten zu erzählen, sondern nur seltsame, surreale Bilder zu zeigen
  • Es gibt aber immer eine logische Geschichte hinter den gezeigten Bildern, die aber nicht sofort ersichtlich ist
  • Logische Geschichte wird sehr assoziativ, fragmentarisch erzählt
  • Sinn erschließt sich erst nachdem weitere Szenen gezeigt wurden
  • Haben sehr früh mit dieser Art des versteckten Erzählens angefangen
  • Beispiel: Die Leiter in The Comb (1990): Erst nach und nach erschließt sich, dass die Animationspuppe eine aus dem Boden wachsende lebende Leiter benutzt, um eine höher gelegene Ebene zu erreichen
  • Beispiel: Frühwerk Nocturna Artificialia (1979): Seltsame, unverständliche Bilder entpuppen sich als eigentlich ganz banale, leicht verständliche Straßenbahnfahrt ("doppelter Eindruck")

Arbeit mit Ton:
  • Ton (Geräusche und Musik) sehr wichtig für Brothers Quay
  • Wichtiger als die Dramaturgie ist die Musikalisierung der Filme
  • Musik wird geschrieben anhand einer Grundidee, Animation erfolgt dann später auf Grundlage der Musik
  • Animation angepasst an Musik, also nicht Musik zu Szenen komponiert, sondern Szenen zur Musik "komponiert"
  • Akustische Ereignisse, spezielle Geräusche ganz bewusst eingesetzt, teilweise hervorgehoben

Hintergrund


  • Erster Spielfilm der Brothers Quay
  • Erster Film der Brothers Quay in dem reale, lebende Figuren den Film dominieren
  • Verfilmung des Romans Jakob von Gunten (1909) von Robert Walser
  • Nicht sehr lang im Kino gelaufen, nicht sehr bekannt
  • "Etwas ungewöhnlich, etwas traumhaft, aber Film und Traum sind ja ohnehin verwandt" - Zitat F. v. d. K.
  • Komponist Lech Jankowski schrieb die Musik ohne die Inhalte der Filmszenen zu kennen (siehe oben: Arbeit mit Ton)

Handlung der Romanvorlage


Der Roman Jakob von Gunten trägt im Untertitel die Bezeichnung Tagebuch. In seinen Aufzeichnungen schildert Jakob von Gunten die Zeit, die er in Berlin in einer Dienerschule, dem Institut Benjamenta, verbringt. Hinter den Toren des Instituts erwartet Jakob eine völlig neue Welt, die seine Persönlichkeit nachhaltig prägt und sein Leben grundlegend verändert. Der strenge Institutsvorsteher Herr Benjamenta und seine engelhafte Schwester, Fräulein Lisa Benjamenta, sind verantwortlich für die Ausbildung der Schüler zu Dienern. Im Schulalltag aber werden Jakob und seine sieben Miteleven nur zum Auswendiglernen und zum Putzen angehalten. Nach einiger Zeit entwickelt sich zwischen dem Vorsteher Herr Benjamenta und Jakob eine eigenartige und zwiespältige Beziehung. Auch Kraus, der wichtigste Mitschüler von Jakob, nimmt eine immer wichtigere Position in Jakobs Leben ein. Schließlich hat der Tod von Lisa Benjamenta tief greifende Auswirkungen auf das Leben im Institut. Herrn Benjamentas ganze Existenz beginnt sich aufzulösen. Er verschafft allen Zöglingen außer Jakob eine Stelle und verlässt zum Schluss gemeinsam mit Jakob das Institut Richtung Wüste.

(Quelle: Artikel der deutschen Wikipedia zur Romanvorlage)

Stil


  • Qualität der Animationsfilme wird in den Realfilm übernommen
  • Eigenartiger Humor der Romanvorlage wird visuell umgesetzt
  • Kein Gefühl von verfilmter Literatur oder Drehbuch, sondern eigene Art des Filmischen
  • Merkwürdige Mischformen von komischen, magischen und surrealen Szenen
  • Genaues Setzen der Tiefenschärfe
  • Eiserne Regeln des Instituts werden zwischendurch immer wieder in Form von Texttafeln gezeigt
  • Häufiger Einsatz von Abblenden, die die Erzählung unterbrechen
  • Intensive Arbeit mit Tonspur, außerordentliche Akustik