Bronenosets Potyomkin

(Panzerkreuzer Potemkin)

Sergei Eisenstein, 1925 (IMDb)




Der Regisseur


  • Gilt, obwohl in schwierigen Zeiten tätig, theoretisch wie handwerklich (insbesondere durch seine innovative Montagetechnik) als einer der größten Regisseure und Visionäre der Filmgeschichte
  • War außerordentlich breit gebildet, vielleicht sogar Universalgenie, hat z.B. mehr als sechs Sprachen fließend gesprochen
  • Doppelbegabung: war nicht nur ein großer Filmemacher, sondern auch ein bedeutender Filmtheoretiker
  • Synthese von Theorie und Praxis wie bei keinem anderen
  • Hat auf wissenschaftlich höchstem Niveau über Film nachgedacht und geschrieben
  • Hat auch internationale Entwicklungen der Filmgeschichte verfolgt, z.B. insbesondere auch die japanische Filmkultur
  • Hat auch deswegen sehr viel geschrieben weil er aus ideologischen Zwängen immer wieder am Filmemachen gehindert wurde
  • Hat theoretischer Konzepte auf eigene Filme angewandt
  • Hat am Anfang keine einzelnen Helden gezeigt, sondern Kollektive; schauspielerische Leistungen treten in den Hintergrund

Zentrale Fragen für Eisenstein:
  • Was ist das Filmische?
  • Worin unterscheidet sich der Film von den anderen Künsten?
  • Welche Wege gibt es, um Energien freizusetzen, die andere Kunstformen nicht erreichen können?
  • Eisensteins Antwort: "Film ist Montage": für ihn war die Montage das wichtigste beim Film

Hintergrund


  • Wird oft als einer der einflussreichsten Filme aller Zeiten bezeichnet
  • Lehnt sich sehr frei an die tatsächlichen Ereignisse des russischen Revolutionsjahres 1905 an: der Meuterei der Besatzung des russischen Kriegsschiffs Knjas Potjomkin Tawritscheski gegen deren zaristische Offiziere
  • Fand beim russischen Publikum großen Anklang
  • Einteilung in fünf Akte (siehe Handlung)
  • Eisenstein testete im Film seine Theorien der Filmmontage

Sowjetische Montage:
  • Fragmentierung durch sehr schnelle Schnitte, die dem Zuschauer fast den Atem rauben, bis hin zu Einzelbildern (vgl. Eisensteins Oktober [1927])
  • Fragmente des Lebens, die für die Leinwand wieder neu zusammengesetzt werden
  • Montage muss nicht unsichtbar sein, sondern kann "körperlich gespürt" werden
  • Kollision beim Schnitt erwünscht, wie ein elektrischer Schock für den Zuschauer
  • Verdoppellungen durch technische Unvollkommenheit (schlechte Schnitttechnik) werden bei Eisenstein absichtlich als Stilmittel eingesetzt

Intellektuelle Montage:
  • Film wie ein wissenschaftliches Experiment: Leinwandgeschehen soll so unmittelbar wie möglich im Gehirn der Zuschauer eine Wirkung entfalten
  • Bilder sollen im Zuschauer voraussehbare Assoziationen auslösen:
  1. Filmemacher sendet bestimmte Signale aus, ist sozusagen Stichwortgeber
  2. Bilder sollen im Zuschauer einen Film anstoßen, den Film im Kopf des Zuschauers entstehen lassen
  • Sätze/Gedanken sichtbar machen/vervollständigen durch das Bilden von Sätzen mit Bildern
  • Statt Manipulation der Emotionen der Zuschauer Manipulation des Intellekts der Zuschauer
  • Funktioniert so nicht wirklich, aber ist schöner Gedanke
  • Problem: Manipulation der Zuschauer wird zum Politikum (vgl. Gesellschaftsmodell der damaligen Sowjetunion)

Montage-Beispiele:
  • Montage des Schocks (in Streik [1925]): Gemetzel der Soldaten an den fliehenden, streikenden Menschen wird parallel gezeigt zu Szenen aus Schlachthaus
  • Parallelmontage: künstliche Bearbeitung durch eine Mähmaschine und natürliche Bearbeitung durch ein Tier (Heuschrecke)
  • Gleichsetzung: Milchseparator und Wasserfälle
  • Konfliktprinzip: neuer Traktor gegenüber altem Ochsengespann
  • Begattung einer Kuh wird montagetechnisch abgefeiert: riesiger Stier im Vordergrund, kleine Kuh im Hintergrund, Subjektive aus Sicht des Stiers, Blick auf Kuh
  • Maschinengewehrfeuer in Oktober (1927): Einzelbilder zusammengeschnitten, um akustisches Signal zu symbolisieren

Lenins Einstellung zum Film:
  • Auch einfachste Leute sind durch das Medium Film erreichbar
  1. Keine kulturelle Vorbildung nötig
  2. Man muss nicht lesen und schreiben können
  3. Bewegte Bilder an sich sind schon Faszination genug
  • Film als das ideale Propagandawerkzeug

Handlung


1. Akt: "Männer und Maden": Aufgrund des faulen Fleisches, welches die Matrosen zu essen bekommen sollen, kommt es zu Unmut unter den Matrosen der Potemkin. Die Matrosen rühren die Suppe nicht an.

2. Akt: "Drama am Hafen": Der Kapitän beschließt, ein Exempel zu statuieren und einige Matrosen erschießen zu lassen. Nachdem sich die Wache mit den Matrosen solidarisiert, kommt es zum Aufstand und die Matrosen übernehmen die Potemkin. Einer der Anführer, Vakulencuk, wird dabei getötet.

3. Akt: "Ein toter Mann fordert Gerechtigkeit": Die Menschen von Odessa trauern um den in einem Zelt aufgebahrten Vakulencuk und solidarisieren sich mit den Matrosen.

4. Akt: "Die Hafentreppe von Odessa": Die zaristischen Kosaken beginnen auf die der Potemkin zuwinkende und auf der Treppe versammelte Menschenmenge zu schießen. Es bricht Panik aus und die Menschen beginnen zu fliehen.

5. Akt: "Die Begegnung mit der Flotte": Die Matrosen beraten, ob sie landen, um der Bevölkerung von Odessa zu helfen, doch da bereits ein Admiralsgeschwader gegen sie unterwegs ist, beschließen sie diesem entgegenzuziehen. Beim Aufeinandertreffen der Potemkin und des Admiralsgeschwaders kommt es zur Verbrüderung zwischen den Matrosen der Potemkin und denen des Admiralsgeschwaders und die Potemkin kann in offene Gewässer fahren.
(Quelle: Wikipedia)

Stil


  • Absichtlich im Stil kommunistischer Propaganda gehalten
  • Hoher Stellenwert von Bildsprache und Bildschnitt, Erzählung weniger wichtig
  • Vom Stil her eher eine Chronik oder Wochenschau als ein erzählender Spielfilm
  • Sowjetische Montage (siehe oben)
  • Stereotypisierung der Personen: Matrosen, Leutnant etc., aber keine Individualisierung der Charaktere

Der erwachende Löwe:
  • Durch schnelle Schnitte geraten statische Objekte in Bewegung
  • Steinerne Löwen werden zum Leben erweckt: drei Löwen in unterschiedlichen Posen, kurz hintereinandergeschnitten
  • Symbolik: die Stadt wird angegriffen und auch eigentlich leblose Objekte werden aufgeschreckt

Die Odessatreppe:
  • Massaker als Aufforderung zur Revolution
  • Szene ist etwa 7 Minuten lang
  • Echte Treppe in Odessa ist nicht so lang dass man 7 Minuten brauchen würde um sie herunterzugehen/herunterzulaufen

Wichtigste Elemente:
  • Treppe als einzelner Ort, geometrisch, abstrakter Raum, instabiler Ort, Dynamik der Diagonalen
  • Zwei Gruppen von Menschen treffen aufeinander:
  1. Volk: Masse, Gruppen, Einzelschicksale (z.B. Mutter mit Kind, Vater mit Kind), Beobachter
  2. Militär: Musketiere, Kosakken
  • Gruppe der Beobachter steht stellvertretend für uns als Zuschauer: alte Frau mit Brille, Mann im Spiegel
  • Individualisierung gegenüber Anonymisierung: aus der Anonymität der Masse ragen einzelne Gruppen oder Personen heraus; ganz besondere Hervorhebung von Mutter und Kind
  • Chaos gegen Ordnung: chaotische Menschenmenge/großes Durcheinander des Volkes gegenüber mechanisierten Wellen von Soldaten
  • Emotionalisierende Objekte: sterbender Schwan auf Gürtelschnalle, rollender Kinderwagen, Beobachter im Spiegel

Aufbau der Szene in Sequenzen:
  1. Schuss, Treffen der ersten Person, gleiche Einstellung, Zeitsprünge; durch die direkten Blenden wird der Eindruck gewonnen, dass die Frau mehrmals und auf unterschiedliche Weise getroffen wurde
  2. Erste Fluchteinstellung, wobei die Blende durch den bildfüllenden Schirm verursacht wird; ebenso wechseln die Bildelemente von Linien zum Kreis
  3. Ein Beispiel für die Komposition der Laufrichtungen
  4. Komposition der zu sehenden Gruppen
  5. Kindessequenz: ständiger Wechsel zwischen Einzelschicksal und Massenflucht
  6. "Bitt-Sequenz": von der Totalen zur Großaufnahme, wie Wellen sich bewegende Personen, alte Frau wie Leuchtturm im Sturm
  7. Erschießung: Spiel mit Licht und Schatten sowie Linien; ebenso wird Stillstand zur Bewegung
  8. Kinderwagen: Einführung durch Reiter; parallel dazu: alter Mann will seine Ehefrau hochheben
  • Zweites Auftauchen einer Mutter mit Kind analog zum ersten, aber sehr viel individualisierter zugeschnitten

Richtungswechsel:
  • Kamerafahrten
  • Richtungskonstanz bis Halt, dann Drehung
  • Gegenbewegung

Arbeit mit Zeit:
  • Zeitmanipulation: Zeitlupen, Wiederholungen, Details, Überlagerungen, gleichzeitig Zeitraffer und Zeitdehnungen
  • Zeitraffer durch schnelle Schnitte
  • Zeitdehnung durch verlangsamte Bewegung der Darsteller, z.B. beim Tod der Frau im zweiten Teil

Esstische:
  • Schwingende Esstische an Bord des Panzerkreuzers

Der Teller:
  • Zerschmeißen eines Tellers in 7 Einstellungen
  • Dabei verschiedene Bewegungen des Schauspielers

Die Aufbahrung:
  • Elegische Montage

Architektur der Massen:
  • Masse/Kollektiv als Hauptperson
  • Enormer Aufwand, war möglich weil Staatsauftrag