A Fei jing juen

(Days of Being Wild)

Wong Kar Wai, 1991 (IMDb)




Der Regisseur


  • In Shanghai geboren, im Alter von 5 Jahren mit der Familie nach Hongkong gezogen
  • Hat Grafikdesign studiert
  • Hat als Drehbuchautor seine Filmkarriere begonnen
  • Hat Werbekurzfilme und Musikvideos gemacht
  • Inspiriert von Michelangelo Antonioni und Robert Bresson
  • Inspirationsquellen zu Erzählweise und Stil sehr gut nachvollziehbar
  • Gehört zu den ganz wenigen Filmemachern, die sehr künstlerisch innovativ und experimentell arbeiten, und trotzdem ihre Filme mit einer filmischen Glasur/Schlagsahne (quasi als Verdauungsmittel) überziehen (z.B. tolle Bilder, schöne Schauspieler, interessante Geschichten), so dass auch ein breites Publikum die Filme gern anschaut (vgl. Alfred Hitchcock)
  • Entwicklung zur Stilisierung verlief ähnlich wie bei Fassbinder: zunächst Low Budget-Produktionen und kein Geld/keine Zeit für große Stilisierungen, später immer größeres Budget/immer mehr Zeit
  • Wird sehr stark in Europa beachtet/beobachtet
  • Internationaler Durchbruch mit In the Mood for Love (2000)
  • Arbeitet oft mit (in Asien) großen Stars, z.B. Maggie Cheung Man-yuk, Tony Leung Chiu Wai, Gong Li, Zhang Ziyi
  • War Präsident der Jury bei den Internationale Filmfestspielen von Cannes 2006
  • Markenzeichen: Dunkle Sonnenbrille

Zentrale Themen:
  • Erotische Beziehungen zwischen den Geschlechtern
  • Liebesunfähigkeit, vergebliche Liebe, Scheitern des Glücks, Beliebigkeit von Liebesbeziehungen, ritualisierte Liebesbeziehungen (vgl. L'eclisse (1962))
  • Lifestylehaftes Leben als Schutz vor zerstörerischer Gewalt der Liebe
  • Oft Position der Frau zentral, Männer als "vergnügliche Monster", die die Frauen nur ausnutzen
  • Menschen in städtischen Umgebungen, sehr atmosphärisch
  • Überspitzt dargestellte, vollkommen verwestlichte Gesellschaft in Hongkong

Wiederkehrende Stilmittel:
  • Vertauschungen: z.B. in In the Mood for Love: zwei Ehepaare; Affäre zwischen Mann aus Paar 1 und Frau aus Paar 2, ergibt zwei neue Paare: die zwei Betrogenen, und die zwei Ehebrecher; beide Paare sollten von nur einem Schauspielerpaar gespielt werden; später aber Entscheidung, das betrogene Paar gar nicht zu zeigen, bzw. nur versteckt zu zeigen (z.B. Szene Die 'unsichtbare' Gattin)
  • Verschleierungen: geheimnisvolle Auflösungen, Blick auf Figuren verdeckt, Personen werden abgeschnitten, "unsichtbare" Figuren (siehe oben), kryptische Bilder, Kamerafahrten legen Figuren frei oder verstecken sie durch ins Bild tretende Wände
  • Verdoppelungen: z.B. über Spiegel Verdoppelung von Figuren, aber auch Verdoppelung von Szenen, bzw. Wiederholungen (siehe unten)
  • Wiederholungen: Variationen der Handlung, aber ganz selten Wiederholungen von Einstellungen (z.B. die Verführung in A Fei jing juen: der Mann kommt an mehreren Tagen hintereinander in die Bar der Frau)
  • Oft mehrere unterschiedliche Geschichten/Teile in einem Film zusammengefasst
  • Oft keine Anwendung des Prinzips Schuss/Gegenschuss, sondern Gegenschuss hinausgezögert oder ganz weggelassen
  • Hoher Kontrast, eigentlich schlechtes Bild erzeugt speziellen Stil: ausgebranntes Weiß, absaufendes Schwarz

Wongs Arbeitsweise:
  • Kein strenges Abfilmen nach Drehbuch, sondern häufig Improvisation
  • Entwicklung des Filmes beim Dreh
  • Bilder als Inspirationsquelle zu nächsten Bildern
  • Eigenartige Weise zu produzieren

Wongs Arbeit mit dem Schnitt:
  • Sehr oft Bewegungsschnitte, die einen Anschluss suggerieren, der keiner ist
  • Grenzen zwischen Szenen verwischen
  • Oft Schnitte in Gegenbewegungen
  • Z.B. die Liebesszene in In the Mood for Love: fast alle Schnitte dynamisch
  • Wechsel zwischen ganz langen und ganz kurzen Einstellungen

Der Anfang von Fallen Angels (1995):
  • Sehr stark von Musikvideos beeinflusste Ästhetik: Weitwinkel in Bahnstation, Schnitte, starke Sprünge, Bildgestaltung, fast visueller Overkill im Vergleich zur eigentlich einfachen Geschichte/Inhalt
  • Aber: Schnitt ohne den Puls der Musik, d.h. kein hörbarer musikalischer Rhythmus als Grundlage
  • Etwas ganz Alltägliches wird filmisch zu einem spektakulären Großereignis aufgebaut
  • Wiederholung: Zwei Mal Zurückkommen aus der Stadt in eine Wohnung: Zuerst die Frau, dann der Mann
  • Bei Wiederholung: keine erzählerischen Lücken (alle Handlungen des Mannes bis zum Eintritt in die Wohnung wie bei der Frau), keine Lücken was die Orte betrifft (alle Orte auf dem Weg vom Bahnhof zur Wohnung genau wie bei der Frau)
  • Sehr stark kontrollierte Schnittfolge
  • "Beziehungsvolle Nicht-Beziehung" zwischen der Frau und dem Mann: der Zuschauer fragt sich, ob die beiden eine Beziehung haben, denn sie begegnen sich nur indirekt, z.B. über den gemeinsam benutzten Wohnungsschlüssel

Verdoppelungen in Fallen Angels:
  • Verdoppelungen durch Spiegel: Mann in Bar ist mehrfach zu sehen, Kamera fährt von Spiegelbild zu echter Person
  • Wiederholung der Szene mit Frau in Bar
  • Art von Melodram

Montage eines Kampfes in Ashes of Time (1994):
  • Humor bei Wong sehr wichtig/prägend
  • Drama wird immer wieder durch schrägen, filmischen Humor unterbrochen
  • Wong nimmt Genres als Muster, übernimmt aber nicht die Normen, sondern unterwandert sie

Ein Kampf gegen sich selbst in Ashes of Time:
  • Zugrundeliegendes Genre: Hongkong-Schwertfilm
  • Außerordentlich langsame Szenen, sehr philosophisch angehaucht
  • Ausgangspunkt der Bildgestaltung: die globale Videoclip-Ästhetik
  • Extreme Zeitlupen, Sam Peckinpah-ähnliche Zeitlupen-Orgie
  • Plötzlich auftretender Kampf, plötzlich auftauchender Humor (Kämpfer trägt keine Schuhe)
  • Verdoppelung: Kämpferin kämpft gegen sich selbst, einmal als Frau, einmal als Mann gekleidet

Hintergrund


  • Wongs zweiter Spielfilm nach seinem Regiedebut As Tears Go By (1988)
  • Gewinner von fünf Hong Kong Film Awards 1991 (war für vier weitere nominiert)

Handlung


Hongkong in den frühen 60er Jahren. Die junge Su Lizhen verliebt sich in den windigen Herzensbrecher Yuddy, der sie aber abserviert, als ihm die Sache zu ernst wird. Schnell hat er Ersatz in der leichtlebigen Mimi gefunden, während Su Lizhen die Trennung nicht verarbeiten kann. Sie sucht Trost bei einer Zufallsbekanntschaft, dem einfühlsamen Polizisten Tide, der eigentlich lieber zur See fahren würde. So spinnt sich ein Kokon an Schicksalen zusammen, der schlussendlich für einige tragisch, für andere annährend positiv endet.

Stil


  • Bildästhetik stark an den Werbefilm angelehnt
  • Herzensbrecher Yuddy als Homme fatale (vgl. Femme fatale): ein Mann der die Frauen verführt, ausnutzt, und dessen Innenleben dabei selbst unverständlich, geheimnisvoll bleibt
  • Yuddy als Zyniker in seinen Beziehungen zu den Frauen ist der Erzähler der Geschichte des Films
  • Konventionell: Erzähler ist dem Zuschauer sehr nah, als ob er im Kino neben den Zuschauern sitzt und seine Geschichte erzählt
  • Hier: Erzähler bleibt unverständlich, entrückt, man kann sich nur schwer in seinen Gemütszustand einfühlen
  • Wiederkehrendes Element: Uhr
  • Farblich aufeinander abgestimmtes Dekor, genaue Farbdramaturgie (in 2046 (2004) noch stärker)
  • Seltsame Art der Erzählung
  • Durch verschachtelte Schnitte und Sprünge wird eine raffinierte Verschleierung/"Verunklarung" der Situation erzeugt
  • Permanenter Regen erzeugt spezielle Atmosphäre
  • Sehr choreographierte Kampfszenen (typisch für Hongkong-Kino)
  • Fast alles in sehr kleinen, realen Räumen gedreht
  • Schnelle Kamerafahrt mit Steadycam von außen nach innen ohne Schnitt in einen Bahnhof